Bindungsängste: Wenn die Verliebtheit schwindet

Florian Friedrich • 10. Januar 2026

Warum trennen sich viele Menschen nach der ersten Verliebtheit zu früh?

Idealisierung und Realitätsverzerrung

Wenn wir frisch verliebt sind, idealisieren wir oft den/die andere*n, ohne sie/ihn so zu sehen, wie er/sie im tiefsten Innersten wirklich ist und ohne in seinen/ihren authentischen (personalen) Kern zu blicken. Wir sehen sie/ihn dann so, wie wir sie/ihn gerne haben würden.

Das Wort „Verliebtheit“ hat sicherlich nicht zufällig die Vorsilbe „ver-“, weil wir oft irren, wenn wir VERliebt sind, uns etwas vormachen, Frühwarnzeichen nicht beachten oder uns selbst täuschen. Wir leiden in der Verliebtheit unter leichten Symptomen von Realitätsverlust, was uns aber angesichts der vielen Glücks- und Bindungshormone, die der Körper ausschüttet, egal ist. Wir verdrängen in der Regel nur allzu gerne, dass dieser überoptimale Zustand irgendwann auch wieder sein Ende haben wird.

In diesem realitätsverzerrten Zustand besetzen wir den anderen Menschen mit Wünschen, Idealvorstellungen und Fantasien, die im Gegenüber gar nicht vorhanden sind. Sogar Unstimmigkeiten und Gegensätze werden positiv gedeutet und idealisiert: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „wir ergänzen einander“.

Diese erste Verliebtheit führt rasch zu einer so starken Bindung, dass sie in der Regel als zu intensiv und damit als anstrengend erlebt wird. Dies ist ein typisches Traumafolgesymptom: Sich immens stark zu binden, bevor wir den/die andere*n gut kennen.

Aus diesen Idealisierungen, dem Himmel, wird dann rasch die Hölle. Es kommt zu massiven Kränkungen, Enttäuschungen, zu Ohnmachtserfahrungen und Hass, mit denen die Betroffenen nicht selbstregulierend umzugehen vermögen.


Lesen Sie in diesem Artikel, warum Menschen mit Bindungsängsten rasch ihre Partnerschaften beenden, wenn die erste euphorische Verliebtheit schwindet.

Bindungsängste: Wenn die Verliebtheit schwindet

Film von Dami Charf: "Gibt es gesunde Abhängigkeit?"

Bindungsängste, Bindungsstörungen und Frühstörungen

Wenn die Verliebtheit nachlässt oder schwindet, können wir dann umso tiefer fallen. So manche*r beendet dann vorschnell eine Partnerschaft, vor allem junge und unerfahrene Menschen, besonders aber auch Menschen mit Frühstörungen (etwa Personen, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden und/oder die traumatisiert sind), weil die Ent-Täuschung der Trauerarbeit und der inneren Reife und Ich-Stärke bedarf, die Menschen mit Frühstörungen nicht haben. Aussagen eines erwachsenen Menschen wie „Du, ich hab noch einmal nachgedacht (sic!): Ich bin nicht mehr in dich verliebt“, sind typisch für eine Frühstörung oder Bindungsstörung.


Dabei könnten wir gerade dann viel über uns selber lernen: Wir werden herausgefordert, eine oberflächliche ver-liebte Beziehung in eine erwachsene Partnerschaft überzuführen. Dies gelingt dann, wenn wir in unser authentisches Spüren und Fühlen kommen und uns dann dem/der anderen echt mitteilen. Wir müssten uns dabei so zeigen, wie wir wirklich sind, nicht mit unserer Fassade, dem Aufgesetzten und Antrainierten, dem Hysterischen.

Je ehrlicher, schonender und authentischer wir unsere Emotionen, vor allem auch Leid, Kummer, Trauer, Schmerz, Hass und Wut zulassen und spüren können, desto echter können wir uns auch in der Partnerschaft der/dem Partner*in mitteilen und uns zeigen.


Das Leben ist immer ambivalent und perfekt-unperfekt

Menschen streben grundsätzlich nach ambivalenzfreien und idealen Zuständen und Beziehungen. Dennoch ist das Leben immer ambivalent. Es erfordert ein großes Können und stellt eine hohe Ich-Leistung dar, gut mit Ambivalenzen umzugehen. Ambivalenzen aushalten zu können, sich etwa nach einem Streit wieder zu versöhnen, ist erwachsen. Mit Ambivalenzen nicht umgehen zu können, zu spalten und zu idealisieren ist immer unreif, infantil und oft narzisstisch.

Dies schließt nicht aus, dass wir stets danach streben können, uns als Väter, Mütter, Liebespartner*innen oder Freund*innen weiterzuentwickeln. Diese personale Entfaltung beinhaltet, dass wir uns unserer Grenzen und Begrenzungen bewusstwerden und gut mit ihnen umgehen lernen. Erst wenn ich mir meine eigenen Grenzen und Schwächen eingestehe, ehrlich mit ihnen umgehe und sie annehme, kann ich mich entwickeln und entfalten. Dies ist eine völlig andere Haltung zum Leben als die narzisstische und spaltende Selbstoptimierung, die Schwächen, Defizite und Grenzen verleugnet.


Authentische Gefühle und gespielte Emotionen

In der Existenzanalyse nach Alfried Längle, aber auch in der dritten Welle der Verhaltenstherapie spielen deshalb unsere primären Emotionen und Handlungsimpulse und ein authentisches Fühlen eine herausragende Rolle. Denn ohne einen guten Zugang zu unseren Emotionen bleiben wir nur an der Oberfläche und können uns selbst verlieren, da Emotionen der Schlüssel zu unseren Bedürfnissen sind.

Wir zerreden und analysieren dann in partnerschaftlichen Konflikten alles vom Hundertsten ins Tausendste, erschöpfen uns in stundenlangen, völlig verkopften Diskussionen, bei denen wir uns im Kreis drehen, ohne dabei vorzudringen, worum es uns im tiefsten Innersten wirklich geht. In den Tiefenschichten fehlt uns nämlich die Klarheit, und somit bleiben alle Aussagen verkopft, haltlos und ohne Grund und Boden.


Dabei müssen wir echte, authentische (primäre) Gefühle (etwa Wut, Hass, Hilflosigkeit, Trauer, Kränkung) von aufgesetzten und erlernten Gefühlsäußerungen (etwa bei Wut zu weinen, bei Schmerz Wut zu zeigen) unterscheiden. Authentische Gefühle sind immer ansteckend. Ist der Mitmensch traurig, so löst dies in mir Mitgefühl oder Betroffenheit aus. Empfinde ich hingegen Wut, wenn ein Mensch weint, dann spüre ich oft folgendes: Der andere Mensch weint nicht aus Schmerz, sondern manipuliert mich mit seinem aufgesetzten Weinen, um etwas von mir zu bekommen (z.B. Aufmerksamkeit oder Schonung). Somit wirken echte Gefühle mitreißend, unechte hingegen nerven.

Film zu einem Leben mit Bindungsängsten: "Ich, ohne Bindung"

Bindungsängste können eine erwachsene Partnerschaft sabotieren oder unmöglich machen. Bei starker Ausprägung können wir deshalb auch von "Bindungsstörungen" sprechen.

Trigger und emotionale Aktivierung

Wer in einer Partnerschaft vor allem den/die andere*n für seine Enttäuschungen, Kränkungen und Emotionen verantwortlich macht, der verrät, dass bei ihm noch Wunden bis hin zu Traumafolgestörungen aus der Biografie vorhanden sind, welche ihn fixieren und eine Weiterentwicklung erschweren.

In der Regel (sehen wir von psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt ab), reagieren wir in Partnerschaften dann extrem affektiv und werden von starken negativen Gefühlen überflutet, wenn wir durch banale Ereignisse im Außen, wie etwa einem Blick, einem Wort, einer Nichtbeachtung getriggert werden. Diese Trigger reaktivieren kindliche Zustände (Ego-States).


Daher ist es in einer erwachsenen, reifen Partnerschaft auch so wichtig, sich selbst und seine Frühstörungsanteile möglichst gut zu kennen. In der Regel liegen viele unserer partnerschaftlichen Konflikte in unserer Biografie verwurzelt und nicht im Hier und Jetzt. Es ist wichtig, frühe Wunden, Traumen, Defizite, Kränkungen, Schmerzen möglichst gut emotional zu verarbeiten. Zuerst sollten wir uns Zeit nehmen und durchatmen, dann uns Zeit geben, um unsere Emotionen und Impulse zu spüren, um diese nicht destruktiv auszuagieren, sondern konstruktiv mit ihnen umzugehen.

Wenn wir in einer Partnerschaft bei uns selbst anfangen, so wird das auch die Partnerschaft verändern. Wir sind immer Teile von Systemen (hier dem System Partnerschaft), und jede Veränderung in uns selbst wird sich zeitversetzt auch auf unsere Mitwelt auswirken.


Wie fühlt sich gesunde Liebe an?

Liebe ist, wenn jemand dein Zuhause wird, nicht dein Adrenalin.

Die partnerschaftliche Liebe fühlt sich meist ruhiger und tiefer an als Verliebtheit – weniger als ein Sturm, mehr wie ein sicherer Ort. Viele Menschen beschreiben sie so:

  • Geborgenheit
    Du kannst ganz Du selbst sein, ohne Angst, etwas vorspielen zu müssen.
  • Innere Ruhe
    Die Person beruhigt Dich, statt Dich ständig nervös oder unsicher zu machen.
  • Vertrauen
    Du zweifelst nicht dauernd an den Gefühlen des anderen oder an Deinem eigenen Wert.
  • Nähe – auch ohne Worte
    Schweigen ist nicht unangenehm. Allein zusammen sein reicht.
  • Akzeptanz
    Du siehst die Macken – und bleibst trotzdem. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Entscheidung.
  • Fürsorge
    Das Wohl der anderen Person ist Dir ehrlich wichtig, auch wenn Du selbst mal zurücksteckst.
  • Beständigkeit
    Gefühle sind nicht jeden Tag gleich stark, aber sie verschwinden nicht bei Stress oder Streit.


Emotional & körperlich

  • weniger Herzrasen, mehr Wärme
  • weniger Gedankenkarussell, mehr Klarheit
  • weniger Angst zu verlieren, mehr Vertrauen zu bleiben


Ein wichtiger Punkt

Eine Partnerschaft ist nicht immer schön. Sie kann auch Arbeit, Geduld und Verletzlichkeit bedeuten – aber sie fühlt sich trotz allem sinnvoll an.

Florian Friedrich als Bastian im Theaterstück DER DRESSIERTE MANN
von Florian Friedrich 9. September 2026
Mein aktuelles Schauspielprojekt in der Rolle des Bastian Der dressierte Mann von John von Düffel Nach dem gleichnamigen Bestseller von Esther Vilar. Vilar dreht den Spieß um. Sie behauptet: Nicht die Männer unterdrücken die Frauen, sondern Frauen dressieren die Männer seit Jahrhunderten. Frauen nutzen Sex, Liebe und die Mutterrolle als Machtmittel. Dafür lassen sie sich aushalten und versorgen. Männer arbeiten, machen Krieg, zahlen - und bekommen dafür “Zuneigung” und Sex. Sie sind also die eigentlichen „Sklaven“. “Der Mann ist dressiert wie ein Haustier. Er glaubt frei zu sein, ist aber abhängig.” Das Buch löste 1971 einen riesigen Skandal aus. Von Feministinnen gehasst, von Männern gefeiert. Bis heute extrem umstritten. Es ist in dem Buch eine provokante These, dass die klassische Rollenverteilung Frauen bevorteilt und Männer ausbeutet. Bis heute ein Provokations-Bestseller. Der Vorverkaufspreis beträgt 16 Euro, an der Abendkasse 18 Euro. Ermäßigungen gibt es für Jugendliche sowie für (Schüler-)Gruppen ab zehn Personen. Reservierungen: Freiraum Oberndorf: 0664 / 6431727 Theatergruppe Oberndorf: 0677 / 62551846 E-Mail: info@freiraumoberndorf.at Ich freue mich. die tolle Rolle des Bastian zu spielen, eine Rolle, die man(n) sich nur wünschen kann.
von Florian Friedrich 9. September 2026
Eine 13-teilige Podcastreihe über Trauma, Erinnerung, Dissoziation und therapeutische Macht Die Diskussion über „rituelle Gewalt“ und „Mind Control“ bewegt sich zwischen realen Erfahrungen von Gewalt, traumatischen Folgen, wissenschaftlich umstrittenen Erklärungsmodellen und teilweise weitreichenden Verschwörungserzählungen. Diese Podcastreihe versucht, diese Ebenen voneinander zu unterscheiden. Dabei geht es nicht darum, sexualisierte oder organisierte Gewalt zu leugnen. Solche Gewalt ist real und kann schwere psychische Folgen haben. Gleichzeitig müssen auch weitreichende Behauptungen über geheime Täter-Netzwerke, satanistische Rituale, gezielte Persönlichkeitsspaltung oder Mind Control wissenschaftlich geprüft werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Erinnerungen entstehen und welche Rolle therapeutische Suggestion spielen kann. Denn eine therapeutische Beziehung ist niemals nur ein Gespräch unter Gleichen. Therapeut*innen verfügen über Wissen, Autorität und Einfluss. Gerade deshalb tragen sie eine besondere Verantwortung dafür, zwischen Beobachtung, Hypothese und Gewissheit zu unterscheiden. Die Reihe fragt unter anderem: Was ist über rituelle und organisierte sexualisierte Gewalt tatsächlich bekannt? Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für die weitreichende RG-MC-Erzählung? Was wissen wir über Dissoziation und DIS? Wie entstehen Erinnerungen und wie können falsche Erinnerungen entstehen? Was bedeutet es, wenn Erinnerungen erst während einer Therapie auftauchen? Wo beginnt therapeutische Suggestion? Was geschieht, wenn eine therapeutische Theorie zum Deutungsrahmen für nahezu alles wird? Wie können Patient ihre eigene Autonomie bewahren? Was können Therapeut tun, wenn sie eine frühere Überzeugung inzwischen kritisch sehen? Wo liegen die Grenzen wissenschaftlicher Kritik und berufsrechtlicher Sanktionen? Und wie können wir über dieses Thema sprechen, ohne entweder Menschen zu entwerten oder unbelegte Behauptungen zu bestätigen? Die Perspektive der Reihe ist hypnosystemisch: Nicht jede Erfahrung muss sofort abschließend erklärt werden. Zustände, Gefühle, Körperreaktionen und innere Anteile können ernst genommen und therapeutisch bearbeitet werden, ohne daraus automatisch eine bestimmte historische Geschichte abzuleiten. Denn: Wir können Menschen glauben, ohne jede Interpretation ihrer Vergangenheit zu glauben. Wir können Trauma behandeln, ohne eine bestimmte Tätergeschichte vorauszusetzen. Und wir können sagen: „Ich weiß es nicht.“ Diese Unsicherheit muss kein therapeutisches Defizit sein. Sie kann der Raum sein, in dem Selbstbestimmung wieder möglich wird. Die 13 Folgen Rituelle Gewalt und Mind Control – Was wissen wir eigentlich? Wenn eine Hypothese zur Gewissheit wird Die Macht der Erinnerung Du bist nicht dein Zustand Wenn der Therapeut die Geschichte mitliefert Michaela Huber – Koryphäe, Einfluss und fachliche Kritik Valeria Petkova – Wenn Mind Control zur Erklärung wird Wenn Therapie zur Weltanschauung wird 9. Wenn Therapeut aussteigen – Schuld, Loyalität und der Weg zurück Wenn du als Klient aussteigen willst Wem gehört die Geschichte eines Menschen? Portugal, Netzwerke und die Internationalisierung einer therapeutischen Schule Von SPIEGEL bis zum goldenen Aluhut – Wenn Wissenschaft, Therapie und Medien aufeinanderprallen Eine Podcastreihe über Trauma, Erinnerung, Dissoziation, Suggestion, therapeutische Verantwortung und die Freiheit, die eigene Geschichte selbst zu hinterfragen.
Cinematic conceptual illustration of a human silhouette standing in a dark, atmospheric room
von Florian Friedrich 8. September 2026
Rituelle Gewalt, Mind Control und falsche Erinnerungen: Eine psychotherapeutische und wissenschaftliche Einordnung von Trauma, Suggestion, Hypnose und Gedächtnis.
Körperbasiert reguliert - Podcast
von Florian Friedrich 8. September 2026
Willkommen zu deinem 52-wöchigen Jahres-Curriculum für somatische Selbstregulation.