Homosexuelle Beziehungen - Wer ist der Mann und wer ist die Frau?

Florian Friedrich • 20. August 2025

Ist in schwulen und lesbischen Partnerschaften immer eine*r der Mann und einer*r die Frau?

Heteronormative Vorurteile und Klischees

Viele Schwule, Lesben und Bisexuelle sträuben sich gegen die Frage: "Bist du der Mann oder die Frau in der Beziehung?" Das Vorurteil, das in dieser Frage steckt, begegnet mir nicht nur in meiner sexualpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen, sondern es ist auch in der Gesamtbevölkerung ziemlich weit verbreitet, auch unter professionellen Helfer*innen.

Viele Menschen glauben, dass sich heterosexuelle Normen einfach auf eine homosexuelle Partnerschaft übertragen lassen, was jedoch in unserem Kulturkreis nicht der Fall ist (in anderen Kulturräumen jedoch manchmal schon).

Homosexualität - Bist du der Mann oder die Frau in der Beziehung?

Trans*Identität und Homosexualität nicht verwechseln

Es ist gerade das spezifische von homosexuellen Beziehungen, dass zwei Männer und zwei Frauen eine Liebesbeziehung nach den heutigen romantischen Liebesidealen eingehen. Schwule und bisexuelle Männer erleben sich als Männer, sind auch gerne Männer und stehen auf Männer, bisexuelle und lesbische Frauen erleben sich als Frauen, stehen auf Frauen und sind gerne Frauen.
Selbstverständlich gibt es auch trans*idente Menschen, die das andere Geschlecht sein möchten. Trans*Identität hat aber nichts mit Homosexualität zu tun, sondern ist eine eigene Dimension, nämlich die Dimension der geschlechtlichen Identität.
So einfach ist es also nicht mit den heterosexuellen (heteronormativen) Normen in homosexuellen Partnerschaften. Hier kommen zwei Menschen desselben Geschlechts zusammen, die als Männer männlich sozialisiert wurden bzw. als Frauen weiblich. Insofern befinden sich in der Regel auch beide Frauen bzw. beide Männer in der sozialen Rolle ihres biologischen Geschlechtes. In der Regel wollen schwule Männer, lesbische Frauen und bisexuelle Menschen auch nicht die Geschlechterrolle des anderen Geschlechts übernehmen.


Manche homosexuelle Menschen werden in die Rolle des Gegengeschlechts gezwungen

Allerdings gibt es Kulturräume, etwa den Iran, in denen homosexuelle Partnerschaften nur dann erlaubt sind, wenn ein*e Partner*in die Rolle des anderen Geschlechts übernimmt und geschlechtsangleichende Maßnahmen über sich ergehen lässt. Ansonsten drohen Verfolgung, Haft, Folter und im schlimmsten Fall sogar die Todesstrafe.
Bei diesen staatlich angeordneten „Geschlechtsumwandlungen“ für homosexuelle und bisexuelle Menschen handelt es sich um schwere Menschenrechtsverletzungen.
Im Iran finden übrigens nach Thailand die meisten Angleichungen an das Gegengeschlecht statt, da diese als mit dem Islam vereinbar gelten. Aus diesem Grund werden viele schwule und bisexuelle Männer in die Transsexualität gezwungen, obwohl dies nicht ihrem inneren Empfinden entspricht. Die Betroffenen werden danach oft schwer depressiv oder begehen Suizid
Das Beispiel Iran zeigt, dass je homophober und patriarchalischer eine Kultur ist, desto stärker homosexuelle Menschen in die Rolle des anderen Geschlechts hineingezwängt werden. Heteronormative gesellschaftliche Normen sind dann so starr, dass sie wie ein Prokrustesbett sind: Operation gelungen – Patient tot.


Heterosexuelle Normen finden sich in homosexuellen Beziehungen nur selten

Traditionelle heterosexuelle Normen lassen sich nicht so einfach auf homosexuelle Partnerschaften übertragen und die Rollen eines/einer dominierenden („männlichen“) und eines/einer submissiven („weiblichen“) Partners/Partnerin finden sich hier im Gegensatz zu traditionellen heterosexuellen Partnerschaften nur selten.
Gerade in homosexuellen Partnerschaften müssen die Pflichten und Rechte der Partner*innen individuell ausgehandelt und immer wieder neu definiert werden. Letztlich fehlt es in homosexuellen Partnerschaften an gesellschaftlich tradierten Modellen. Hierin liegt die große Chance, dass Schwule, Lesben und Bisexuelle neue Wege finden dürfen, um ihre Beziehungen und Partnerschaften zu gestalten. Die Geschlechterrollen (im Alltag und in der Sexualität) müssen überdacht und immer wieder ausgehandelt werden.
Letztlich können heterosexuelle Menschen von homosexuellen und bisexuellen Menschen lernen, die sich ja schon lange und intensiv mit den Geschlechterrollen innerhalb ihrer Partnerschaften befassen. Der Philosoph und Schriftsteller Edmunt White bezeichnet daher schwule, lesbische und bisexuelle Menschen als
„Avantgarde“.

Stereotype Geschlechterrollen werden von Schwulen, Lesben und Bisexuellen meist abgelehnt

Es lässt sich beobachten, dass viele schwule Männer, lesbische Frauen und bisexuelle Menschen die engen stereotypen Geschlechterrollen, welche die Gesellschaft Männern und Frauen zuweist, stärker hinterfragen und nicht mehr ausfüllen möchten, sondern sich neue Freiräume erobern. Jugendliche und junge Erwachsene rebellieren zudem auch gerne gegen stereotype Geschlechterrollen und spielen dann mit Klischees des Gegengeschlechts, was für viele junge Menschen wichtig ist, um eine selbstsichere erwachsene Identität auszubilden.
Dieser Trend lässt sich übrigens auch bei heterosexuellen Männern und Frauen beobachten:
Was heute sozial und gesellschaftlich als „männlich“ oder „weiblich“ gilt, wird mehr hinterfragt als noch in den 1970er Jahren. So meinte eine heterosexuelle Frau einmal etwas ironisch, sie wisse gar nicht, wer in ihrer heterosexuellen Partnerschaft der Mann und wer die Frau sei.


Auch in heterosexuellen Partnerschaften werden die Rollen durchlässiger

Wer daheim bleibt, die Kinder versorgt, kocht, das Baby wickelt, Geld verdient, Grenzen und Regeln setzt, muss heute in jeder Partnerschaft individuell ausgehandelt werden. Das ist oft anstrengend, überfordert viele Menschen und macht mitunter Angst. Zugleich birgt es aber auch große Chancen auf eine authentische Partnerschaft und ein sinnvolles Leben.
Dennoch ist vielen heterosexuellen Menschen gar nicht bewusst, wie viel Spielräume und Freiräume sie heute hätten. Die traditionellen Modelle und Rollenvorstellungen werden noch allzu oft unhinterfragt übernommen, was verständlich ist, weil sie ja verinnerlicht wurden und tief in unserem Über-Ich sitzen.

Filmtipp: "150 Jahre Emanzipation - Geschlechterrollen ab der industriellen Revolution"

Geschlechterrollen sind nicht biologisch determiniert, sondern unterliegen dem Wandel der Zeit und den historischen, sozialen und kulturellen Umständen, unter denen wir leben. Sehen Sie in diesem prägnanten Film, wie sich die Rollen innerhalb der Partnerschaften und Ehen immer wieder gewandelt haben.

Subtile Rollenzuschreibungen an homosexuelle/bisexuelle Menschen

Problematisch erachte ich in unserer Kultur die noch immer mehr oder weniger subtilen Rollenzuschreibungen von „männlich“ und „weiblich“ in homosexuellen Partnerschaften. So wird jungen homosexuellen und bisexuellen Männern nicht selten die Rolle des weiblichen (mitunter auch des sexuell passiven) Parts zugeschrieben, ohne Rücksicht darauf, ob diese Zuschreibung dem tatsächlichen Erleben des betroffenen jungen Mannes entspricht. Viele junge Männer identifizieren sich aufgrund der äußeren Zuschreibungen und des sozialen Drucks dann mit diesen Rollen – ein Phänomen, das in den Sozialwissenschaften altbekannt ist: So wird älteren Frauen noch immer zugeschrieben, dass sie im Alter keine sexuelle Lust mehr haben sollten, d.h. dass sie zu asexuellen Wesen werden müssen. Viele ältere Frauen verinnerlichen diese Zuschreibung und leben dann keine Sexualität mehr, obwohl sie im tiefsten Innersten nach wie vor sexuelle Bedürfnisse spüren.


Ein falsches Selbst leben - wenn schwule Männer unreflektiert die weibliche Rolle übernehmen

Der soziale Druck dieser Rollenzuschreibungen kann so groß werden, dass die betroffenen Männer dann tatsächlich unhinterfragt die weibliche Rolle übernehmen (oder umgekehrt: Frauen die männliche Rolle) und viele Jahre lang ein falsches Selbst leben, d.h. ein Leben führen, in dem sie ihre tatsächlichen Bedürfnisse nicht leben. Mitunter ist die Identifizierung mit diesen Rollenzuschreibungen so stark, dass die betroffenen Menschen ihre authentischen Bedürfnisse gar nicht mehr spüren und diese abspalten. Depressionen, Angststörungen aber auch die Flucht in Ersatzbefriedigungen (Drogen, Alkohol, Sexsucht) können die Folgen sein.


Die Vorstellung von der Binarität der Geschlechter ist überholt

Die Diskussion um männlich und weiblich in homosexuellen Partnerschaften rührt daher, dass die Vorstellung der Polarität der Geschlechter eine Jahrtausende alte Tradition in unserer Kultur hat. Die tradierten Normen kennen nur weibliche oder männliche Genderrollen und eine Polarität der Geschlechter. Auch Schwule, Lesben und Bisexuelle sind von dieser heteronormativen Tradition zutiefst geprägt und haben die Binarität der Geschlechter verinnerlicht.
Selbstverständlich gibt es auch (heterosexuelle, bisexuelle und homosexuelle) Männer und Frauen, die das authentische Bedürfnis haben „weiblicher“ bzw. „männlicher“ aufzutreten oder non-binär, genderfluid/polygender zu leben. In diesem Fall entspricht das Verhalten einem ureigenen inneren Bedürfnis und stellt einen authentischen Ausdruck innerer und äußerer Freiheit dar. Diese Menschen setzen sich in der Regel intensiv mit ihrem Erleben als Mann, als Frau oder als genderfluid/polygender auseinander, hinterfragen die Dichotomie der Geschlechter kritisch, spüren ihre Bedürfnisse gut, haben einen guten Zugang zu ihren Körpergefühlen und Emotionen und führen ein authentisches Leben mit viel innerer Freiheit.


Wichtig bleibt somit weiterhin, dass wir Konstrukte von Männlichkeit und Weiblichkeit hinterfragen. Jeder Mensch hat viele „männliche“ und „weibliche“ Seiten und niemandem steht es zu, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sich ein „richtiger Mann“ oder eine „richtige Frau“ zu verhalten habe. Nur der betroffene Mensch selbst kann spüren, was sich für ihn als weiblich oder als männlich anfühlt.

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