Altenbetreuung: Alte Menschen mit HIV – Supervision

Florian Friedrich • 18. November 2025

Supervision und Fortbildungen für Pflegekräfte und Ärzt*innen in Salzburg / Wien / Hamburg

Pflegende sind von ihrer jeweiligen Kultur, Sozialisation, Spiritualität, Religion und körperlichen Konstitution geprägt. Diese wiederum haben Einfluss auf ihren Umgang mit HIV und sexuell übertragbaren Infektionen. 

Professionelle Pflege bedarf immer klarer Strukturen und der Selbstreflexion. Dies wird beim Thema HIV besonders deutlich. Struktur und Halt gibt z.B. das Wissen über Infektionswege und nicht-Infektionswege von HIV. 


Ich biete psychologische Hilfe für alte und hochbetagte Menschen an, die HIV-positiv sind. Für Mediziner*innen und Pflegepersonal biete ich auch Supervisionen und Weiterbildungen an. In Salzburg, Wien und Hamburg komme ich auch gerne in Ihre Einrichtung. Auch online-Beratungen und online-Supervisionen sind bei mir möglich. 

Pflege / Altenbetreuung Alte Menschen mit HIV – Supervision

Pflege und Altenbetreuung von HIV-positiven Senior*innen

Immer mehr Menschen mit HIV werden alt oder hochbetagt, weil die medizinische Behandlung von HIV so gut geworden ist und Menschen unter der HIV-Therapie eine ganz normale Lebenserwartung haben. Ein weiterer Grund liegt darin, dass immer häufiger HIV erst im Alter zum ersten Mal diagnostiziert wird. Oft fällt die HIV-Infektion bei älteren und alten Personen erst dann auf, wenn diese Folgeerkrankungen von AIDS aufweisen, wie etwa eine Lungenentzündung oder Pilzbefall in Rachen, in der Speiseröhre und in der Lunge. Wie und wann sich die Betroffenen mit HIV infiziert haben, kann dann meist nicht mehr nachvollzogen werden, da die Infektion bereits zehn Jahre zurückliegt. Es handelt sich hier also um Spätdiagnosen von HIV. Oft hatten dann auch andere Personen Risiken, etwa die Sexualpartner*innen.


Ein Beispiel:

Bei Herrn W. wird im Sommer 2023 aufgrund einer schweren Lungenentzündung und eines massiv schlechten Immunsystems ein HIV-Test gemacht. Die Diagnose ist: HIV-positiv. Aufgrund der extrem hohen Viruslast und des schlechten Immunsystems wird erkannt, dass Herr W. sich bereits vor über zehn Jahren infiziert haben muss.

In den letzten zehn Jahren hatte Herr W. zwei Partnerschaften und auch mehrere ungeschützte Sexualkontakte bei One-Night-Stands. Möglicherweise haben sich hierbei andere Personen unwissentlich von Herrn W. angesteckt.


HIV wird de facto nur dann übertragen, wenn Menschen noch nicht wissen, dass sie infiziert sind und keine HIV-Medikamente einnehmen. 

Film: "Trailer - Positiv Altern - HIV Doku"

Mit Würde als HIV-Positiv*er alt werden

HIV ist heute eine ganz normale chronische Erkrankung, wenn das Virus medikamentös behandelt wird. Da die Menschen nicht mehr an AIDS sterben, steigen die absoluten Zahlen von HIV-positiven Menschen in Österreich und Deutschland an. Die Gründe dafür sind erfreuliche: die gute medizinische Therapie und die ganz normale Lebenserwartung. 

Jedoch ist das Immunsystem bei HIV permanent aktiviert, da der Körper ständig gegen das Virus ankämpft. Dies kann im Alter zu Herz-Kreislaufproblemen oder Diabetes führen. 


Pflege von HIV-positiven alten Menschen

Viele Ärzt*innen und Pfleger*innen haben Ängste vor HIV-positiven Personen, die unbegründet sind und auf unzureichendem Wissen beruhen. Dies hat zur Folge, dass HIV-positive Menschen in Senior*innenhäusern häufiger Absagen bekommen als andere, wenn ihr HIV-Status bekannt ist. 


Für HIV-positive Personen bedeutet alt- und pflegebedürftig-Werden eine besondere Herausforderung und kann ein massiver Stressor sein.

Wenn wir pflegebedürftig sind, dann sind wir den Pflegenden bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert. Dies kann bei alten Personen Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit erzeugen. Auch Traumen aus der Kindheit und Jugendzeit können wieder aufbrechen und zu akuten Traumafolgesymptomen wie Panikattacken, Hypervigilanz, Herzrasen, Alpträumen und Impulsivität führen.

Bei HIV-positiven Senior*innen kommt dann noch die Gefahr der Stigmatisierung und Diskriminierung hinzu. Viele Pflegekräfte, aber auch Ärzt*innen haben nämlich noch veraltete Bilder und Haltungen von HIV bzw. AIDS als einer sehr gefährlichen Seuche verinnerlicht und haben dann unbegründete Ängste und Sorgen vor einer HIV-Infektion, wenn sie HIV-positive Menschen pflegen oder medizinisch behandeln.

In der Pflege stoßen wir auf viele alte und pflegebedürftige Menschen, bei denen Schamverletzungen aus ihrer Kindheit und Jugend eine große Rolle spielen. Deshalb sollten wir sensibel sein und Beschämungen tunlichst vermeiden. Eine Diskriminierung wegen HIV, der Sexualität oder der sexuellen Orientierung stellt immer eine schwere Beschämung dar. 

Die meisten Diskriminierungen von HIV-positiven Menschen passieren übrigens nicht in der Pflege oder in Senior*innenheimen, sondern in Zahnarztpraxen. 


Was muss ich bei der Pflege von HIV-positiven Personen beachten?

  • Die üblichen Hygiene- und Desinfektionsstandards reichen völlig aus.
  • Menschen, die konsequent ihre HIV-Therapie einnehmen, sind für andere Personen ohnehin nicht mehr infektiös. D.h. eine Ansteckung ist völlig unmöglich. 

Film: "Geschichte einer Verfolgung - Der "Schwulenparagraph""

Viele HIV-positive alte Männer sind schwul oder bisexuell

Erschwerend kommt hinzu, dass viele HIV-positive Senioren bisexuell oder schwul sind, sich ihrer sexuellen Orientierung schämen, diese verheimlichen und einsam damit sind. Sie sind aufgrund der Internalisierung homophober Normen, die bis in die 1990er Jahre bei uns weit verbreitet waren, traumatisiert und leiden mitunter unter Traumafolgesymptomen. Die Stigmatisierung aufgrund der HIV-Infektion kann sie retraumatisieren und zu einer Überflutung von Ängsten und Schuldgefühlen führen. Immerhin wurden sie ja zum Teil während der AIDS-Krise in den 1980er Jahren durch eine inhumane Stigmatisierung und durch den Verlust zahlreicher AIDS-kranker Freunde oder Partner schwer traumatisiert.

Diese Jahrzehnte-währende Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung und/oder der HIV-Infektion hat sich tief eingebrannt und verhindert auch heute noch einen leichten, lockeren und freien Umgang mit der sexuellen Orientierung, aber auch eine Teilnahme am schwulen oder queeren öffentlichen Leben.

Obwohl alte und hochbetagte LGBTIQA* heute in Sicherheit leben können, ist es für sie schwer, alte Coping- und Abwehrmechanismen (wie etwa Verheimlichen) abzulegen und zu verändern. 


Auch innere Bilder aus den 1980er Jahren können wieder aufbrechen. Ich möchte den Begriff des Traumas nicht verwässern oder inflationär verwenden. Trotzdem zeigen zahlreiche AIDS-Überlebende posttraumatischen Stress oder leiden unter Überlebenden-Schuldgefühlen. Zudem werden HIV-Positiven noch immer massive Schuldgefühle manipuliert. Es kommt zu gesellschaftlichen und kollektiven Schuldzuweisungen, die unheimlich verletzend sein können. Bei kaum einer anderen Erkrankung ist dies so stark der Fall. 


Das Gift der manipulierten Schuld

Viele Betroffenen nehmen das Gift der manipulierten Schuldgefühle in ihr Inneres hinein und fühlen sich dann wertlos, schuldig und als ganzer Mensch schlecht. Hierbei handelt es sich um ein typisches Traumafolgesymptom. Es bedarf dann oft einer Psychotherapie, um sich vom manipulierten Schuldgefühl innerlich distanzieren zu können und wieder klar zwischen Fehlern in der Biografie, erwachsener Verantwortung und zugewiesenen Schuldgefühlen unterscheiden zu können. Ein erster Schritt besteht darin, immer wieder zwischen Schuldgefühlen und tatsächlicher Schuld (bzw. erwachsener Verantwortung) zu differenzieren. 

Ich kann dann folgendes erkennen: Ja, ich habe einen Fehler gemacht und mich dabei mit HIV infiziert. Fast jeder Mensch hat aber irgendwann einmal im Leben ungeschützten Sex. Wir können nicht völlig risikofrei leben.

Für meinen Fehler übernehme ich erwachsene Verantwortung, indem ich mich medizinisch behandeln lasse.

Aufgrund meines biografischen Fehlers bin ich aber nicht als Person schlecht, falsch, wertlos oder schuldig. Manipulieren mir andere Menschen Schuldgefühle, so erkenne ich das immer besser, fühle Empörung oder Zorn auf diese übergriffigen Personen und distanziere mich von ihnen bzw. melde ihnen meine Empörung angemessen und konstruktiv zurück. 


Vor allem ältere Menschen mit HIV leiden öfter unter Einsamkeit, Ängsten und Depressionen als ihre alten Mitmenschen. Soziale Isolation und sich-Verstecken sind ein großes Problem. Dieses psychische Leiden kann somatoforme Störungen und Hypochondrien begünstigen, aber auch zu anderen körperlichen Erkrankungen führen. So begünstigen etwa chronischer Stress und schwere psychische Leiden Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Posttraumatische Belastungskompetenz
von Florian Friedrich 15. Januar 2026
Wenn aus Überleben Verbundenheit entsteht Traumatische Erfahrungen können das Leben eines Menschen grundlegend erschüttern. Sie greifen tief in das Erleben von Sicherheit, Beziehung, Identität und Sinn ein. Wird aus dieser Erschütterung eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) , stehen meist Symptome, Defizite und Einschränkungen im Vordergrund: Flashbacks, Übererregung, Vermeidung, emotionale Taubheit, Beziehungsabbrüche. Doch neben dem oft langjährigen Leid entwickeln viele Menschen, die sich intensiv mit ihrer PTBS auseinandergesetzt haben, von einer neuen Tiefe, einer veränderten Art, sich selbst und anderen zu begegnen, von gewachsenen inneren Fähigkeiten. Diese Entwicklung lässt sich als Posttraumatische Belastungskompetenz beschreiben.
Trauma nach einer Brandkatastrophe: Was hilft?
von Florian Friedrich 14. Januar 2026
Wie du einer PTBS vorbeugen kannst (inklusive Selbsthilfemethoden aus dem Somatic Experiencing®) Aus aktuellem Anlass ( Brandkatastrophe von Crans-Montana ) möchte ich hier über ein paar psychische Erste-Hilfe-Maßnahmen schreiben. Einen schweren Unfall oder eine Brandkatastrophe mitzuerleben – etwa Schreie zu hören, Brandgeruch wahrzunehmen oder Bilder von brennenden Menschen zu sehen – kann tief erschüttern - übrigens auch dann, wenn wir lediglich Videos im Internet und in den Medien davon sehen. Viele Betroffene und Zeug*innen sind im Nachhinein verunsichert von ihren Reaktionen. Wichtig i st: Starke körperliche und seelische Reaktionen sind normale Antworten auf ein extremes Ereignis. Sie bedeuten nicht, dass du durchdrehst oder zwangsläufig eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln wirst. Dieser Artikel erklärt, warum Flashbacks auftreten, was in den ersten Tagen und Wochen hilft, und wie Selbsthilfemethoden aus dem Somatic Experiencing (SE) die Verarbeitung unterstützen können. Übrigens soziale Unterstützung schützt stark und ist einer der wichtigsten präventiven Wirkfaktoren, um keine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Menschen, die: über das Erlebte sprechen können emotionalen Rückhalt bekommen körperlich und emotional gehalten werden sich verstanden und ernst genommen fühlen haben ein deutlich geringeres PTBS-Risiko . Soziale Bindung wirkt wie ein Puffer gegen traumatische Überforderung.
Was ist
von Florian Friedrich 10. Januar 2026
Zu hohe Idealvorstellungen und Klischees, die uns im Weg stehen Viele Menschen haben sehr verkopfte Konstrukte und Konzepte von „Wahrer Liebe“. Emotional betrachtet ist Liebe ein starkes körperliches und seelisches Gefühl, das viele Menschen im Brustraum oder um die Herzgegend, aber auch von Kopf bis Fuß spüren. Viele fühlen Liebe als innere Wärme, als ob eine kleine Sonne aufginge und uns innerlich erstrahlen ließe. Das Gefühl Liebe ist losgelöst von der Sexualität. Dabei kann die Liebe die Sexualität ergänzen, dies ist jedoch nicht immer zwingend der Fall. Das körperliche und emotionale Fühlen von Liebe können wir bei Sexualpartner*innen, aber auch bei Freund*innen, in der Natur, für unsere Kinder, Eltern, Tiere u.v.m. erleben. Das gesellschaftliche Konstrukt „Wahre Liebe“ ist allerdings ein Mythos, denn Liebe ohne Konflikte und Begrenzungen gibt es nur in Märchen oder Hollywoodfilmen kurz vor dem Ende des Streifens. Mit der Realität hat das Ganze wenig zu tun. Ich biete Paartherapie, Paarcoaching und Beratung an, wenn Sie bemerken, dass Sie unter zu hohen und irrealen Idealvorstellungen von "Wahrer Liebe" leiden.
Das Nachlassen der Verliebtheit bei Bindungsstörungen
von Florian Friedrich 10. Januar 2026
Warum trennen sich viele Menschen nach der ersten Verliebtheit zu früh? Idealisierung und Realitätsverzerrung Wenn wir frisch verliebt sind, idealisieren wir oft den/die andere*n, ohne sie/ihn so zu sehen, wie er/sie im tiefsten Innersten wirklich ist und ohne in seinen/ihren authentischen (personalen) Kern zu blicken. Wir sehen sie/ihn dann so, wie wir sie/ihn gerne haben würden. Das Wort „Verliebtheit“ hat sicherlich nicht zufällig die Vorsilbe „ ver- “, weil wir oft irren, wenn wir VERliebt sind, uns etwas vormachen, Frühwarnzeichen nicht beachten oder uns selbst täuschen. Wir leiden in der Verliebtheit unter leichten Symptomen von Realitätsverlust, was uns aber angesichts der vielen Glücks- und Bindungshormone, die der Körper ausschüttet, egal ist. Wir verdrängen in der Regel nur allzu gerne, dass dieser überoptimale Zustand irgendwann auch wieder sein Ende haben wird. In diesem realitätsverzerrten Zustand besetzen wir den anderen Menschen mit Wünschen, Idealvorstellungen und Fantasien, die im Gegenüber gar nicht vorhanden sind. Sogar Unstimmigkeiten und Gegensätze werden positiv gedeutet und idealisiert: „ Gegensätze ziehen sich an “ oder „ wir ergänzen einander “. Diese erste Verliebtheit führt rasch zu einer so starken Bindung, dass sie in der Regel als zu intensiv und damit als anstrengend erlebt wird. Dies ist ein typisches Traumafolgesymptom: Sich immens stark zu binden, bevor wir den/die andere*n gut kennen. Aus diesen Idealisierungen, dem Himmel, wird dann rasch die Hölle. Es kommt zu massiven Kränkungen, Enttäuschungen, zu Ohnmachtserfahrungen und Hass, mit denen die Betroffenen nicht selbstregulierend umzugehen vermögen. Lesen Sie in diesem Artikel, warum Menschen mit Bindungsängsten rasch ihre Partnerschaften beenden, wenn die erste euphorische Verliebtheit schwindet.