Wenn Gutachten für trans*idente Personen verweigert werden

Florian Friedrich • 4. September 2025

Wofür benötigen trans*Menschen ein Gutachten?

Mitunter werden Befundberichte und Gutachten für trans*Personen verweigert. Dies kann für die Betroffenen existentiell erschütternd und bedrohlich sein, in seltenen Fällen ist es aber aus therapeutischer Sicht auch notwendig.

Menschen, die trans* (transgender, transident, transsexuell, nicht binär, agender, polygender, genderfluid, divers) sind, brauchen in Österreich und Deutschland psychologische bzw. psychotherapeutische und fachärztliche Gutachten, bevor sie mit der Hormontherapie oder chirurgischen Maßnahmen zur Angleichung an das erlebte Wunschgeschlecht beginnen können. Dieser Prozess ist für trans*Personen, die sich ihrer Identität absolut sicher sind, oft mit vielen Schikanen, mit Willkür und Demütigungen verbunden und wird als stigmatisierend und entwürdigend erlebt. Hier kommt es mitunter zu schweren Belastungen.


Auch ich als Psychotherapeut fühle mich hier vom Gesundheitssystem missbraucht: Ich soll eine Diagnose geben für etwas, was ein anderer Mensch nur selber spüren und fühlen kann. Unter Umständen bin ich dann auch haftbar, sollte jemand dann doch wieder in sein biologisches Geschlecht zurückwollen (dies nennt man "Retransition" bzw. "Detransition").

Ich arbeite gerne mit trans*Menschen, wenn sie freiwillig aufgrund psychischer Belastungen (etwa wegen Depressionen, Stigmatisierungen, Traumen, Diskriminierungen oder zur Selbstfindung) zu mir kommen, aber nicht, wenn sie es müssen, um behördliche Auflagen zu erfüllen und wenn sie dann die Zeit bei mir absitzen.

Wenn Gutachten für trans*idente Personen verweigert werden

Wenn das Gutachten verweigert wird

Fast alle trans*Personen, die zu mir kommen, sind sich ihrer Identität absolut sicher und spüren klar und deutlich, in welchem Geschlecht oder in welchen Geschlechtern sie leben möchten. Darunter befinden sich auch immer wieder Menschen mit Autismus bzw. im Autismus-Spektrum.

Allerdings muss ich als Psychotherapeut ein Gutachten bzw. eine positive Stellungnahme für körpermodifizierende Maßnahmen dann verweigern, wenn ein Mensch seine Gefühle und Bedürfnisse nicht in Worte fassen kann.


Zumindest einige der folgenden Fragen sollte eine trans*Person im Laufe der Monate beantworten können:

  • Wenn Du morgen aufwachst und es ist ein Wunder geschehen, in welchem Geschlecht (oder in welchen Geschlechtern) würdest Du dann leben?
  • Wenn Du dann in den Spiegel blickst, was siehst Du?
  • Wie würdest Du leben, wenn Dich alle Menschen unterstützen würden?
  • Was würdest Du dann körperlich spüren (im Muskeltonus, in und auf der Haut, in der Atmung)?
  • Welche Emotionen würden in Dir hochkommen?
  • Was würdest Du dann anders machen?
  • Wie würden andere Menschen es bemerken, dass Du auf einmal authentisch in Deinem Wunschgeschlecht lebst?
  • Wie würde so ein Tag in Deinem Wunschgeschlecht aussehen?
  • Gibt es aktuell schon Möglichkeiten, mehr in Deinem Wunschgeschlecht zu leben?
  • Was wären erste, ganz kleine Schritte in die richtige Richtung?

Film: "Transgender-Kinder"

Sehen Sie in dieser Dokumentation das Leben von trans*Kindern. In diesem Fall wird ein Gutachten eindeutig positiv ausfallen.

Die paradoxe Frage

In der Psychotherapie gibt es die paradoxe Frage, die oft hilfreich sein kann, um sich die eigenen Stärken und Kompetenzen bewusst zu machen. Die paradoxe Frage in diesem Fall könnte lauten:

"Was müsste ich tun, damit ich keinen Befundbericht und keine Zustimmung zur Hormontherapie bekomme?"

  1. Wenn ich gerade aufgrund einer schweren psychischen Problematik nicht über meine Gefühle und Bedürfnisse sprechen kann oder gar nicht an meine Gefühle und Bedürfnisse herrankomme, wenn ich mich also selber nicht spüre. Dies ist vor allem während schwerer Depressionen oder bei sozialen Phobien der Fall. Aber auch bei schweren Persönlichkeitsstörungen oder während Psychosen. Hier braucht es dann auf alle Fälle und ohne Diskussion eine Psychotherapie, damit der betroffene Mensch an sein authentisches Spüren und Fühlen kommt. Als Therapeut muss ich fühlen, dass ein Mensch die Kompetenzen hat, an seine Gefühle und Bedürfnisse heranzukommen. Ich erlebe dieses gar nicht Herankommen an die eigenen Gefühle übrigens nur äußerst selten.
  2. Auch teilweise oder vorübergehende Geschlechtsidentitätsstörungen, wie sie in Krisen während der Adoleszenz auftreten oder akute Psychosen, bei der die geschlechtliche Identität vorübergehend verkannt wird, sind Gründe, geschlechtsangleichenden Maßnahmen nicht zuzustimmen oder zumindest den Betroffenen noch Zeit zu geben. Im therapeutischen Prozess sollte jeder Mensch die Klarheit erlangen, dass das Bedürfnis nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen stabil und zeitlich überdauernd ist und dass nur auf dem Weg geschlechtsangleichender Maßnahmen das Leiden vermindert werden kann.
  3. Wenn ich erst vor wenigen Monaten oder Wochen realisiert habe, dass ich trans* bin.
  4. Andere Gründe gibt es nicht.

Film: "Trans*: Wer bestimmt mein Geschlecht?"

Das Prozedere der gerichtlichen Begutachtung ist in Deutschland sehr komplex, manchmal auch trans*negativ.

Positive Gutachten bei schweren psychischen Störungen

Selbstverständlich muss ich immer dann vorsichtig sein, wenn eine schwere psychische Erkrankung wie eine Borderline-Persönlichkeitsstörung schwerer Ausprägung (mit ihrer verzweifelten Suche nach Identität) oder eine Schizophrenie (mit ihrem Verlust von Identitätsgefühlen und dem Auflösen aller Grenzen) vorliegt. Hier ist dann das Risiko der Detransition größer. Detransition meint, dass ein Mensch nach hormonellen und chirurgischen Maßnahmen zur Angleichung an das Wunschgeschlecht (Transition) wieder in sein biologisches Geschlecht zurückmöchte.
Allerdings gibt es selbstverständlich auch viele Menschen, die an einer schweren Borderline-Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie leiden und trans*ident sind und kein Risiko für eine Detransition haben. Hier würde dann die Transition die Borderline/Schizophrenie-Symptomatik unter Umständen sogar lindern.

Ich kenne viele Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, die ganz klar spüren, dass sie trans* sind und wo ich ohne Zweifel der Hormontherapie zustimmen kann.


Ich selber kann als Psychotherapeut ohnehin niemals sicher „wissen“, ob ein Mensch trans* ist. Dies steht mir gar nicht zu, wäre eine Anmaßung und somit psychische Vereinnahmung bzw. Missbrauch. Eine trans*Person kann sich die Einordnung „trans*ident“ nur selbst geben und stellt sich somit selbst die Diagnose. Eine Diagnose wird vom Gesundheitssystem nämlich noch immer verlangt, auch wenn trans*Identität ein gesundes Phänomen und keine psychische Erkrankung ist.


Als Existenzanalytiker verstehe ich Psychotherapie als eine wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethode und als ein Heilverfahren, das Menschen hilft, ihre authentischen Gefühle und Bedürfnisse zu bergen, um gut und selbstfürsorglich mit sich selbst und den Mitmenschen umzugehen.

Ich sehe meine Aufgabe somit darin, die betroffenen Menschen zu unterstützen und ihnen zu assistieren, für sich herauszufinden und zu spüren, wo ihre Bedürfnisse sind. Ich helfe somit trans*Personen, Kompetenzen des authentischen Spürens und der Selbstreflexion zu erwerben, sofern sie diese nicht ohnehin schon haben, was in der Regel der Fall ist. Wenn die Fähigkeit zum authentischen Spüren gar nicht vorhanden ist, wie etwa bei schweren Psychosen, dann verweigere ich die Zustimmung zur Hormontherapie und gebe der betroffenen Person noch Zeit. Meine Verweigerung ist allerdings niemals definitiv und nie unumkehrbar.

Florian Friedrich als Bastian im Theaterstück DER DRESSIERTE MANN
von Florian Friedrich 9. September 2026
Mein aktuelles Schauspielprojekt in der Rolle des Bastian Der dressierte Mann von John von Düffel Nach dem gleichnamigen Bestseller von Esther Vilar. Vilar dreht den Spieß um. Sie behauptet: Nicht die Männer unterdrücken die Frauen, sondern Frauen dressieren die Männer seit Jahrhunderten. Frauen nutzen Sex, Liebe und die Mutterrolle als Machtmittel. Dafür lassen sie sich aushalten und versorgen. Männer arbeiten, machen Krieg, zahlen - und bekommen dafür “Zuneigung” und Sex. Sie sind also die eigentlichen „Sklaven“. “Der Mann ist dressiert wie ein Haustier. Er glaubt frei zu sein, ist aber abhängig.” Das Buch löste 1971 einen riesigen Skandal aus. Von Feministinnen gehasst, von Männern gefeiert. Bis heute extrem umstritten. Es ist in dem Buch eine provokante These, dass die klassische Rollenverteilung Frauen bevorteilt und Männer ausbeutet. Bis heute ein Provokations-Bestseller. Der Vorverkaufspreis beträgt 16 Euro, an der Abendkasse 18 Euro. Ermäßigungen gibt es für Jugendliche sowie für (Schüler-)Gruppen ab zehn Personen. Reservierungen: Freiraum Oberndorf: 0664 / 6431727 Theatergruppe Oberndorf: 0677 / 62551846 E-Mail: info@freiraumoberndorf.at Ich freue mich. die tolle Rolle des Bastian zu spielen, eine Rolle, die man(n) sich nur wünschen kann.
von Florian Friedrich 9. September 2026
Eine 13-teilige Podcastreihe über Trauma, Erinnerung, Dissoziation und therapeutische Macht Die Diskussion über „rituelle Gewalt“ und „Mind Control“ bewegt sich zwischen realen Erfahrungen von Gewalt, traumatischen Folgen, wissenschaftlich umstrittenen Erklärungsmodellen und teilweise weitreichenden Verschwörungserzählungen. Diese Podcastreihe versucht, diese Ebenen voneinander zu unterscheiden. Dabei geht es nicht darum, sexualisierte oder organisierte Gewalt zu leugnen. Solche Gewalt ist real und kann schwere psychische Folgen haben. Gleichzeitig müssen auch weitreichende Behauptungen über geheime Täter-Netzwerke, satanistische Rituale, gezielte Persönlichkeitsspaltung oder Mind Control wissenschaftlich geprüft werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Erinnerungen entstehen und welche Rolle therapeutische Suggestion spielen kann. Denn eine therapeutische Beziehung ist niemals nur ein Gespräch unter Gleichen. Therapeut*innen verfügen über Wissen, Autorität und Einfluss. Gerade deshalb tragen sie eine besondere Verantwortung dafür, zwischen Beobachtung, Hypothese und Gewissheit zu unterscheiden. Die Reihe fragt unter anderem: Was ist über rituelle und organisierte sexualisierte Gewalt tatsächlich bekannt? Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für die weitreichende RG-MC-Erzählung? Was wissen wir über Dissoziation und DIS? Wie entstehen Erinnerungen und wie können falsche Erinnerungen entstehen? Was bedeutet es, wenn Erinnerungen erst während einer Therapie auftauchen? Wo beginnt therapeutische Suggestion? Was geschieht, wenn eine therapeutische Theorie zum Deutungsrahmen für nahezu alles wird? Wie können Patient ihre eigene Autonomie bewahren? Was können Therapeut tun, wenn sie eine frühere Überzeugung inzwischen kritisch sehen? Wo liegen die Grenzen wissenschaftlicher Kritik und berufsrechtlicher Sanktionen? Und wie können wir über dieses Thema sprechen, ohne entweder Menschen zu entwerten oder unbelegte Behauptungen zu bestätigen? Die Perspektive der Reihe ist hypnosystemisch: Nicht jede Erfahrung muss sofort abschließend erklärt werden. Zustände, Gefühle, Körperreaktionen und innere Anteile können ernst genommen und therapeutisch bearbeitet werden, ohne daraus automatisch eine bestimmte historische Geschichte abzuleiten. Denn: Wir können Menschen glauben, ohne jede Interpretation ihrer Vergangenheit zu glauben. Wir können Trauma behandeln, ohne eine bestimmte Tätergeschichte vorauszusetzen. Und wir können sagen: „Ich weiß es nicht.“ Diese Unsicherheit muss kein therapeutisches Defizit sein. Sie kann der Raum sein, in dem Selbstbestimmung wieder möglich wird. Die 13 Folgen Rituelle Gewalt und Mind Control – Was wissen wir eigentlich? Wenn eine Hypothese zur Gewissheit wird Die Macht der Erinnerung Du bist nicht dein Zustand Wenn der Therapeut die Geschichte mitliefert Michaela Huber – Koryphäe, Einfluss und fachliche Kritik Valeria Petkova – Wenn Mind Control zur Erklärung wird Wenn Therapie zur Weltanschauung wird 9. Wenn Therapeut aussteigen – Schuld, Loyalität und der Weg zurück Wenn du als Klient aussteigen willst Wem gehört die Geschichte eines Menschen? Portugal, Netzwerke und die Internationalisierung einer therapeutischen Schule Von SPIEGEL bis zum goldenen Aluhut – Wenn Wissenschaft, Therapie und Medien aufeinanderprallen Eine Podcastreihe über Trauma, Erinnerung, Dissoziation, Suggestion, therapeutische Verantwortung und die Freiheit, die eigene Geschichte selbst zu hinterfragen.
Cinematic conceptual illustration of a human silhouette standing in a dark, atmospheric room
von Florian Friedrich 8. September 2026
Rituelle Gewalt, Mind Control und falsche Erinnerungen: Eine psychotherapeutische und wissenschaftliche Einordnung von Trauma, Suggestion, Hypnose und Gedächtnis.
Körperbasiert reguliert - Podcast
von Florian Friedrich 8. September 2026
Willkommen zu deinem 52-wöchigen Jahres-Curriculum für somatische Selbstregulation.