Mag. Florian Friedrich, BA

Psychotherapie, Beratung und Coaching


Wichtig: Ich bin in meiner Praxis voll und kann daher keine Ersttermine

 für neue Klient*innen anbieten.

HIV und Schuldgefühle

Florian Friedrich • 22. Juni 2023

Starke, irrationale Schuldgefühle wegen der HIV-Infektion

Menschen, die HIV-positiv sind, schämen sich oft nicht nur für ihre HIV-Infektion, sondern haben mitunter starke Schuldgefühle, die ihnen von der Gesellschaft, von Ämtern, Institutionen, Behörden, Systemen oder psychisch übergriffigen Menschen manipuliert werden.


Lesen Sie in diesem Beitrag, warum viele HIV-positive Personen irrationale Schuldgefühle wegen ihrer HIV-Infektion haben und was Sie als Betroffene*r tun können, um Ihre Schuldgefühle zu mildern und freundlicher mit sich selbst umzugehen.

Ich biete in Zusammenarbeit mit der Aidshilfe Salzburg kostenlose Psychotherapie und psychologische Beratung an, wenn Sie HIV-positiv sind, im Bundesland Salzburg leben und ein geringes Einkommen haben (Regelung für wirtschaftlich Schwache).

HIV und Schuldgefühle

Was sind Schuldgefühle überhaupt und wofür sind sie gut?

Obwohl HIV-positive Menschen heute gar nicht mehr infektiös sind, wenn sie die HIV-Therapie konsequent einnehmen, leiden zahlreiche Betroffene unter massiven Schuldgefühlen wegen ihrer Infektion.

Im Gegensatz zur Scham, die unsere Würde bewahren möchte und uns vor dem erniedrigenden Blick der Mitmenschen zu schützen sucht, haben Schuldgefühle eine andere grundsätzlich nützliche Funktion: Sie wollen uns darauf hinweisen, dass wir einen Fehler gemacht haben, für den wir Wiedergutmachung leisten sollten. Wir haben somit unseren Mitmenschen oder uns selbst Unrecht angetan, eben Schuld auf uns geladen.

Damit haben Schuldgefühle einen evolutionsbiologischen Vorteil: Sie sichern unser soziales und individuelles Überleben, stärken Partnerschaften und den Zusammenhalt von Gruppen, Familien und Sippen.


Schuldgefühle lassen sich allerdings auch sehr leicht anerziehen, sozialisieren und manipulieren. Wir fühlen dann starke Schuldgefühle, obwohl wir gar kein Unrecht begangen haben.


Bei HIV-Infektionen finden Schuldzuschreibungen und das Manipulieren von Schuldgefühlen meist auf einer systemischen gesellschaftlichen Ebene statt und sind mit Stigmatisierungen, Vorurteilen, schlechter medialer Berichterstattung, Benachteiligung, Spaltungsprozessen und Diskriminierung verbunden.


Die Ursachen für diese Schuldzuschreibungen sind vielfältig

  • So sieht eine sozialpsychologische Erklärung HIV als Strafe Gottes oder des Schicksals für sündhafte Sexualität in unserem kollektiven Gedächtnis verwurzelt. Es gibt Abbildungen aus der Neuzeit (siehe die Abbildung unten), in welcher das Christuskind Menschen mit der Syphilis oder dem Tod bestraft. Der gesellschaftliche Umgang mit HIV steht ganz in dieser schlechten Tradition: HIV sei eine Sünde und eine Strafe Gottes für Sexualität und Homosexualität. So haben bereits etliche Kirchenoberhäupter HIV als Strafe Gottes für Homosexualität und sexuell ausschweifendes Verhalten propagiert und postuliert, dass nicht Kondome, die HIV-Therapie oder die PrEP die besten Schutzmaßnahmen darstellen, sondern einzig und allein die sexuelle Enthaltsamkeit. Diese Schuldgefühle und Strafängste sind uns Berater*innen der AIDS-Hilfen gut vertraut: Etwa wenn Menschen nach Fremdgehen, Affären, homosexuellen Kontakten oder One Night Stands etc. Schuldgefühle und Strafängste entwickeln, sie würden nun mit HIV oder anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) für das Fremdgehen oder ihre Sexualität bestraft.
Joseph Grünpeck: Das Christuskind straft die Menschheit mit Syphilis (Holzschnitt 1496)
  • Generell haftet HIV und sexuell übertragbaren Infektionen etwas Schmutziges, Dreckiges und moralisch Verwerfliches an.
  • HIV positive Menschen verinnerlichen meist völlig unbewusst diese negativen Bilder, Assoziationen, religiösen Normen, Schuldkomplexe und Schuldzuschreibungen in ihr Selbstbild. Sie entwickeln dann schwere Schuldgefühle und sehen dann nicht mehr den einzelnen Fehler (z.B. ungeschützten Sex) als Ursache für ihre HIV-Infektion, sondern nehmen sich selbst generalisierend als Person schuldhaft, sündhaft, nicht liebenswert und schlecht wahr. Das Selbstwertgefühl leidet hierunter massiv.
  • Belastend sind auch Mehrfachdiskriminierungen, etwa wenn ein Mensch nicht nur wegen seines HIV-Status', sondern auch wegen seiner Hautfarbe, seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts und/oder seiner sexuellen Orientierung diskriminiert wird. Auf diese Weise können Personen, die bereits wegen ihrer Ethnie, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts etc. Diskriminierungserfahrungen, Mobbing und Stigmatisierungen erleben mussten und dadurch vorbelastet, mitunter sogar traumatisiert sind, retraumatisiert werden oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, wenn sie nun auch noch wegen HIV diskriminiert werden.
  • Menschen, die bereits Erfahrungen mit Stigmatisierungen oder psychischer Gewalt haben und deshalb seelisch verwundet oder regelrecht traumatisiert sind, legen oft Straferwartungen an den Tag. Diese Straferwartungen werden als schicksalshaft erlebt. Auch kleine Risiken für eine HIV-Infektion werden dann überbewertet. Auf psychodynamischer Ebene sind gerade bereits traumatisierte Menschen, die schon vor der Infektion irrationale Schuldgefühle ausgebildet haben, davon überzeugt, die HIV-Infektion als Strafe zu verdienen. Die Angst, von anderen als verwerfliche*r Täter*in und als Gefahr für die Mitmenschen verurteilt zu werden, ist innerseelisch kein Widerspruch, sondern stellt vielmehr eine Bestätigung des negativen und traumatisierten Selbstbildes dar.
  • Am Beispiel der Homosexualität wird dies besonders gut sichtbar: Schwule und bisexuelle Männer sind psychisch aufgrund von Homophobie, Diskriminierungserfahrungen, Mobbing und erlebten Stigmatisierungen sehr vorbelastet, manchmal sogar traumatisiert. Für sie kann eine Infektion mit HIV besonders schlimm sein und alte Traumata triggern. Eine HIV-Diagnose kann dann bisexuelle und schwule Männer retraumatisieren, vor allem dann, wenn sie abwertende und homophobe Seiten internalisiert haben. Wenn mich als schwuler oder bisexueller Jugendlicher meine Eltern homophob beschimpfen, dass ich als schwuler Mann sicherlich einmal an AIDS sterben werde, dann ist es später (auch viele Jahre nach diesem homophoben Erlebnis) psychisch umso schlimmer, wenn ich tatsächlich eine HIV-Diagnose erhalte. Selbsthass, täternahe Ego-States, massive Scham- und Schuldgefühle können erneut stark aufbrechen und werden von vielen schwulen und bisexuellen Männern als überflutend erlebt. Das fragile Selbstwertgefühl bricht noch zusätzlich ein. Manche davon Betroffene verheimlichen fortan vor lauter Schuldgefühlen ihre HIV Infektion und vereinsamen.
  • Der Umgang mit HIV ist sehr widersprüchlich, spaltend und wir erleben eine Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit. Einerseits werden die Übertragungsrisiken im Alltag massiv überschätzt oder falsch eingeschätzt. HIV-positive Menschen werden dann aufgrund von Unwissenheit, Panik, Hysterie und Fehlannahmen ausgegrenzt. Andererseits werden tatsächliche Risiken (etwa ungeschützter Sex) verdrängt und abgespalten. Gerade diese Spaltungsmechanismen führen häufig zur Sündenbockfunktion von HIV-positiven Menschen.


All diese vielfältigen Schuldzuschreibungen, kollektiven Abwehrmechanismen und Stigmatisierungsprozesse fördern irrationale Schuldgefühle bei den Betroffenen.

Filmtipp: "HIV positiv? Die Frage nach der Schuld - Begegnung mit Bielefelder Bürgern"

Was sind manipulierte Schuldgefühle?

Irrationale oder manipulierte Schuldgefühle können uns plagen und malträtieren, und zwar auch dann, wenn wir gar keine reale Schuld auf uns geladen haben. Wir fühlen uns dann immer schuldig, obwohl wir gar nichts zu verantworten haben. Diese Schuldgefühle haben keine sinnvolle Funktion mehr, verselbständigen sich und führen zu einem starken Leidensdruck.


Schuldgefühle können, wie oben bereits erwähnt, leicht anerzogen und manipuliert werden. Menschen, die durch sexuelle, körperliche, religiöse, psychische und emotionale Gewalt traumatisiert wurden, fühlen sich permanent und überall schuldig, als ob sie die alleinige Verantwortung für ihre Mitwelt und ihre Mitmenschen hätten. Sie haben dann schwere Schuldgefühle, wenn sie anderen Menschen eine Grenze setzen oder für sich selbst und ihr Eigenes eintreten, sofern sie dies überhaupt können.

Schuldgefühle gehen zudem immer auch mit der Angst vor Beziehungsverlust und sozialem Ausschluss einher.


Machen mir konkrete Personen, aber auch die Gesellschaft oder Systeme immer wieder Schuldgefühle, dann bilden sich im Laufe der Zeit maligne Ich-Anteile (Ego-States) aus. Der Feind ist sozusagen in den eigenen Reihen. Ich habe Strafängste und Schuldgefühle, auch dann, wenn ich nichts verbrochen habe.

Zudem können Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht und das ausgeliefert-Sein an psychische Gewalt und Diskriminierungen Schuldgefühle noch zusätzlich verstärken. Ich sehe fortan die Schuld für erlittene Stigmatisierungen bei mir selbst. Durch dieses intrapsychische Victim-Blaming und die Flucht nach vorn fühle ich mich weniger ausgeliefert und ohnmächtig.

Psychodynamisch ist es für uns nämlich kurzfristig entlastender und erträglicher, Schuldgefühle zu empfinden und uns selbst für erlittenes Unrecht verantwortlich zu machen als uns einzugestehen, dass wir völlig hilflos und ausgeliefert sind, wenn wir Opfer von Diskriminierung bzw. struktureller Gewalt werden. Schuldgefühle lassen mich zumindest vermeintliche und illusionäre Kontrolle über eine Situation erleben, allerdings zu einem sehr hohen Preis, weil ich ja zugleich unter diesen Schuldgefühlen leide, langfristig immer selbstunsicherer werde und weniger Glück erlebe.

Daher ist es so wichtig, zwischen Schuld und Schuldgefühlen zu differenzieren.

Leben mit HIV: Diskriminierung im Gesundheitswesen

Was kann mir helfen, wenn ich unter starken Schuldgefühlen leide?

1.  Auf Distanz gehen und Schutzräume

Der erste Schritt beginnt in bewussten Auszeiten, Freiräumen, sicheren Zeiten und Orten. D.h. ich mache, wo und wann immer es mir möglich ist, bewusst Urlaub von Menschen, Institutionen, Systemen und Organisationen, die mir Schuldgefühle oder Ängste wegen meiner HIV-Infektion machen und gehe zeitlich und räumlich auf Distanz. Hier können oft ein paar Stunden ausreichen. Ich kann mich mit Freund*innen treffen, ins Kino gehen, einen Spaziergang machen u.v.m.


Bei langfristiger und systematischer Diskriminierung allerdings (etwa am Arbeitsplatz, Stigmatisierung durch Ämter und Behörden, im Gesundheitswesen) braucht es oft zusätzlich Hilfe von außen, etwa durch die Arbeiterkammer, durch die AIDS-Hilfen, durch Antidiskriminierungseinrichtungen, durch psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung.


2. Sodann versuche ich, eine Vogelperspektive einzunehmen.

Ich blicke von Oben bzw. aus guter Distanz auf die Situation. Wenn ich z.B. starke Schuldgefühle habe, dann kann ich versuchen, zwischen dem Schuldgefühl (das bei 100 Prozent liegen kann, wenn wir manipuliert werden) und tatsächlicher Schuld bzw. erwachsener Verantwortung zu unterscheiden (diese kann bei null Prozent liegen). Für echte Schuld bzw. Verfehlungen können wir uns dann entschuldigen und angemessene Wiedergutmachung leisten, wobei dies m.E. bei einer HIV-Infektion nicht notwendig ist.

Oft werden wir dann im Laufe der Zeit auf Wut, Empörung und Zorn in uns stoßen, wenn wir erkennen, dass es die anderen sind, sie sich schuldhaft, übergriffig, grenzüberschreitend oder gewaltvoll gegenüber uns verhalten. Diese aggressiven Emotionen sind gesund und ein erster wichtiger Schritt zu einem besseren Selbstwerterleben.


3. Zwischen Schuldgefühl und tatsächlicher Schuld differenzieren

Ein HIV-positiver Mensch könnte dann erkennen, dass sein Schuldgefühl bei 80 Prozent liegt, dass bei ihm aber keine tatsächliche Schuld vorliegt. Im Gegenteil: Seine erwachsene Verantwortung liegt gerade darin, dass er sich schützt, gut mit sich selbst umgeht und sich von Personen distanziert, die sich negativ gegenüber HIV-positiven Menschen äußern oder diese aktiv diskriminieren.

Auf diese Weise kann ein ein*e HIV-positive*r Betroffene*r erkennen, dass seine/ihre Schuldgefühle nicht authentisch aus ihr/ihm selbst kommen, sondern dass diese durch Mitmenschen (oder gesellschaftliche Systeme, Institutionen) stark manipuliert und eingesät werden.

Ihre/seine eigene Verantwortung sieht der/die Betroffene darin, sich zu schützen und eine gute Selbstfürsorge zu entwickeln, wenn sie/er sich manipuliert fühlt.


Denn je selbstbewusster und selbstsicherer ein Mensch wird, je liebevoller und akzeptierender er mit sich selbst umgeht, desto mehr wird er sich auch schützen können und sich auf gesunde Weise distanzieren bzw. sich bei Antidiskriminierungsstellen oder einer AIDS-Hilfe Unterstützung suchen.


4. Sich selbst etwas Gutes tun, d.h. entgegengesetzt zu meinen Schuldgefühle zu handeln

Wichtig ist hier ein gesunder und selbstfürsorglicher Umgang mit mir. Ich darf mich verwöhnen und es einfordern, dass andere Personen gut und wertschätzend mit mir umgehen.


Folgende Fragen können mich hierbei unterstützen

  • Wenn ich an meine HIV-Infektion denke: Wofür habe ich Verantwortung (etwa mich beim Sex nicht geschützt zu haben) und wo endet diese?
  • Wer hätte anders gehandelt: Kenne ich etwa Menschen, die sich immer beim Sex schützen und null Risiken beim Sex eingehen? Wie viele Menschen kenne ich, die sich nicht immer durch Kondome, PrEP usw. schützen?
  • Würde ich selbst eine andere geliebte Person (etwa eine gute Freundin, mein Kind) verurteilen, wenn sie HIV-positiv wäre?
  • Wer ladet Schuld auf sich, wenn ich wegen HIV diskriminiert werde?
  • Wer ist für Diskriminierung, Stigmatisierung und psychische Gewalt verantwortlich?

Schulungsfilm "Diskriminierung im Gesundheitswesen": Arztpraxis mit Statements

Fragen für eine bessere Selbstfürsorge

Folgende Fragen zur Selbsterfahrung können Ihnen helfen, wenn sie Schuldgefühle wegen Ihrer HIV-Infektion haben:

  • Wie können mich andere Menschen am besten trösten, wenn es mir körperlich oder emotional schlecht geht, wenn ich z.B. Schuldgefühle habe und ich völlig verunsichert bin?
    Wie kann ich selbst andere am besten trösten?
  • Wie würde ich eine*n Freund*in trösten und ihr/ihm beistehen, wenn sie/er gerade Schuldgefühle hat und es ihm/ihr schlecht geht?
  • Wie gehe ich mit mir selbst um, wenn es mir schlecht geht, wenn ich etwa Schmerzen habe oder schwierige Emotionen (etwa Angst, Schuldgefühle) spüre?
  • Wie könnte ich in Zukunft tröstender mit mir selbst umgehen, wenn es mir schlecht geht? Was könnte ich dann ganz konkret anders machen? Was brauche ich dann von mir selbst? Was brauche ich von anderen?
  • Gibt es Bilder, Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen, die mir dabei helfen können, mir selbst Trost zu spenden, wenn ich unter Schuldgefühlen leide (etwa Erinnerungen an getröstet-Werden, an liebevolle Trost-spendende Menschen, positive Gedanken und Affirmationen oder positive Visualisierungen, positive Ich-Anteile, innere Helfer*innen)?
  • Wenn ich morgen aufwachen und anteilnehmend und mitfühlend mit mir selbst umgehen würde, wie würde ich das als erstes bemerken. Mein psychischer Schmerz wäre dann noch immer da, aber was würde ich dann anders machen, wenn ich voller Mitgefühl für mich selber wäre? Wie würden andere Menschen es bemerken, dass ich auf einmal mit Mitgefühl, Trost und Anteilnahme mit mir selbst umgehen würde? Wie würde so ein Tag voller Mitgefühl aussehen?
  • Gibt es jetzt bereits etwas, das ich voller Mitgefühl für mich selbst tun könnte?
  • Was wäre der erste kleine Schritt, mitfühlender und freundlicher mit mir selbst umzugehen?


Fragen, um sich der eigenen Kraftquellen wieder bewusst zu werden:

  • Gibt es eine innere Stärke oder einen inneren Halt, der/die mich schon mein ganzes Leben lang begleitet?
  • Welche Kraftquellen habe ich früher genutzt?
  • Welche Kraftquellen haben mir in der Vergangenheit in schwierigen Zeiten geholfen, etwa in Zeiten von Krankheiten, Lebenskrisen oder wenn ich emotionale, seelische oder körperliche Schmerzen hatte?
  • Welche dieser Kraftquellen nutze ich heute nicht mehr?
  • Welche dieser Kraftquellen könnte ich heute wieder nutzen?
  • Wer könnte mir dabei helfen und was brauche ich dafür?
  • Was ist heute meine wichtigste Stärke und Ressource?
  • Welche Stärken/Ressourcen und Kraftquellen nutze ich bereits, um mit Schuldzuweisungen, Diskriminierung, Stigmatisierung und struktureller Gewalt besser umzugehen oder mich davon abzulenken?
  • Was kann ich trotzdem noch immer genießen?
  • Was gibt mir unabhängig von meiner HIV-Infektion Kraft, Sinn und ist wertvoll in meinem Leben?
  • Wer oder was kann mich dabei unterstützen (andere Menschen, Hobbys, Tiere, Kunst und Kultur, ein*e Psychotherapeut*in)?
  • Wen habe ich in schwierigen Lebenszeiten um Hilfe gebeten?
  • Was hat mich bisher in meinem Leben am meisten bereichert?


Schädliche Verhaltensweisen

Folgende Verhaltensweisen können dabei langfristig schädlich sein:

  • weniger arbeiten oder gar nicht mehr arbeiten gehen
  • zu viel Grübeln wegen der HIV-Infektion
  • weniger Tätigkeiten ausüben, die Freude machen, Spaß bereiten, Sinn geben oder als wertvoll erlebt werden
  • weniger soziale Kontakte und ein gutes gesellschaftliches Beisammensein pflegen
  • weniger Freundschaften und Beziehungen pflegen
  • sozialer Rückzug
  • vermehrter Missbrauch von Drogen, Alkohol und Medikamenten
  • Vermeidung, etwas Neues im Leben auszuprobieren
  • zu viele Pausen, zu viel Schlaf, zu viel ruhen und hinlegen


Wege aus dem Schuldgefühl - ein Fazit

Über viele Jahrhunderte hinweg waren in unserer Kultur Sexualität, sexuell übertragbare Krankheiten, Schuldgefühle und Strafängste eng miteinander assoziiert. Schuldgefühle und Strafängste befinden sich somit nach wie vor in unserem kulturellen Unbewussten. Zudem werden Promiskuität, Homosexualität, Bisexualität und verschiedene Sexualpraktiken auf gesellschaftlicher Ebene noch immer mehr oder weniger subtil abgewertet. Menschen, die aufgrund ihrer Sexualität oder sexuellen Orientierung bereits diskriminiert wurden, verinnerlichen Schuldzuschreibung durch andere umso rascher und tiefgehender.

Wird etwa einem schwulen Mann schon immer mit dem Risiko einer HIV-Infektion gedroht ("Als Schwuler musst du besonders gut aufpassen! Viele haben HIV."), so können dessen Schuldgefühle und Selbstabwertungen nach einer Infektion umso schwerer ausfallen. Die verinnerlichte Homophobie bzw. Homonegativität trifft dann auf manipulierte Schuldgefühle. Die Infektion mit HIV bestätigt das Vorurteil, die Diskriminierung und das Stigma.

HIV wird somit automatisch als eine schmutzige, moralisch verwerfliche Infektion verunglimpft, aber auch alle Menschen, die sich damit infiziert haben.


Schuldgefühle sind per se etwas Sinnvolles, sie gehören zur Conditio Humana und regulieren unser soziales Zusammenleben. Wir sollten Schuldgefühle aber immer auf unsere tatsächliche Schuld und Verantwortung hin überprüfen, da gerade Schuldgefühle leicht zu manipulieren sind, etwa durch Schuldzuschreibungen von außen, durch Doppelmoral und Moralvorstellungen.

Manche irrationale Schuldgefühle befinden sich zudem so sehr in unser kollektives Unbewusstes eingeschrieben, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen oder ihren Ursprung ausmachen können.


In diesem Beitrag habe ich versucht aufzuzeigen,

  • wie wir uns von irrationalen Schuldgefühlen distanzieren können,
  • wie wir zwischen Schuldgefühlen und tatsächlicher Schuld unterscheiden
  • und in einen inneren, selbstfürsorglichen und personalen Dialog mit uns treten können.

Dies erfordert oft genauso viel Übung, Ausdauer und Geduld, wie wenn wir ein Musikinstrument neu erlernen, kann aber unser Leben erleichtern und uns viel innere Freiheit verschaffen. Denn dann ist auch mit der Diagnose HIV, das heute hervorragend medizinisch behandelt werden kann, ein glückliches, sinnstiftendes und erfülltes Leben möglich.


HIV als Chance

Die Diagnose HIV-positiv kann dann zum Appell oder zur Chance werden, das eigene Leben positiv zu verändern, uns weiterzuentwickeln, mehr zu uns selbst zu finden, HIV gut anzunehmen und in unsere Leben zu integrieren. Wir können trotz oder gerade wegen HIV immer wieder neu anfangen, jeden Tag. Es ist nie zu spät.

Film: "Davids HIV-Medikamente schützen auch seine Partnerin Silke"

Diagnostik aus hypnosystemischer Sicht
von Florian Friedrich 21. März 2025
Diagnosen sagen nichts über unsere Klient*innen aus Als Hypnosystemiker erlebe ich Diagnosen meist als trivialisierend und als eine die Komplexität reduzierende Vernichtung von Informationen. Zudem werden Diagnosen überwiegend völlig blind für den Kontext gestellt, in dem ein Symptom auftritt. Ziel dienlich sind Diagnosen aus hypnosystemischer Sicht dann, wenn Patient*innen sie wollen, weil sie dadurch Entlastung erfahren (was ich dann wieder utilisieren kann), oder eben für die Krankenkassen und Sozialversicherungsträger. Der Begründer der Hypnosystemik Gunther Schmidt erwähnt etwas augenzwinkernd, dass sich seine Klient*innen eine der häufigsten Diagnosen (etwa "mittelgradige depressive Episode") selbst auswählen dürfen (sie können aber auch ausgewürfelt werden), wobei wir die Diagnosen dann zusammen mit unseren Klient*innen auf möglicherweise negative Auswirkungen überprüfen sollten. 
Die Polyvagaltheorie in der Traumatherapie
von Florian Friedrich 20. März 2025
Was ist die Polyvagaltheorie? Die Polyvagaltheorie geht auf den Psychiater Stephen W. Porges zurück. Sie beschreibt eine neue Sichtweise auf das Autonome Nervensystem . Dieses scannt permanent unsere Umwelt und andere Menschen ab, ob wir sicher oder bedroht sind. Jener Vorgang ist unwillkürlich und ist uns meist völlig unbewusst. Sicherheit ist für uns im Leben das Wichtigste. Das Parasympathische Nervensystem teilt sich noch einmal auf und hat ein soziales Nervensystem , den ventralen Vagus, als Zweig. Dieses wird durch Traumata massiv beeinflusst und arbeitet dann anders. Das Soziale Nervensystem wird durch die Beziehung, Fürsorge und Coregulation unserer Eltern bzw. ersten Bezugspersonen gut ausgebildet und kann dann effektiv und optimal arbeiten. Übrigens: Die Polyvagaltheorie ist in der Wissenschaft umstritten und konnte bis heute empirisch nicht nachgewiesen werden . Das ändert aber nichts an der Praxis der modernen Traumatherapie. In der praktischen Umsetzung hilft die Polyvagaltheorie, und wer heilt, der hat bekanntlich recht.
Hypnosystemische Psychotherapie und Beratung
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Beratung, Coaching und Therapie mit hypnosystemischen Ansätzen Der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt ist ein wissenschaftlich-fundierter Ansatz für Beratung, Coaching, Therapie und Organisationsentwicklung. Er arbeitet mit Erkenntnissen der modernen Hirn- und autobiografischen Gedächtnisforschung, der Systemtheorie, der Hypnose und der Hypnotherapie, der Embodiment-Forschung und der Priming-Forschung. Gunther Schmidt hat aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen der verschiedenen Disziplinen ein breites Repertoire an Methoden, Techniken und Tools entwickelt, wobei er immer postuliert: " Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie ". Zugleich ist die Hypnosystemik auch eine Haltung zur Welt und zu den Mitmenschen, die weit über Techniken hinausgeht. Denn wer nur mit Tools arbeitet, der " wird rasch zum Tooligan " (Schmidt). Ich biete hypnosystemische Psychotherapie und Beratung in Salzburg / Hamburg an.
Symptome aus hypnosystemischer Sicht
von Florian Friedrich 18. März 2025
Symptome sind wertvolle Botschafter von Bedürfnissen Aus hypnosystemischer Sicht (Gunther Schmidt) sind Symptome immer wichtige Rückkopellungsinformationen über nicht beachtete Bedürfnisse. Beispiel: Hubert ist schwul und unterdrückt seine Bedürfnisse nach Liebe, Erotik, Zärtlichkeit und Sexualität. Da dieses Unterdrücken viel Kraft und Lebensenergie kostet, wird Hubert zunehmend depressiver und suizidal. Seine Depressionen und seine Lebensmüdigkeit weisen ihn darauf hin: "Lebe Dein Leben, hör auf Deine homosexuellen Bedürfnisse" Lesen Sie in diesem Artikel über Symptome aus hypnosystemischer Sicht.
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