Die Polyvagaltheorie und ihre Bedeutung in der Traumatherapie

Florian Friedrich • 20. November 2025

Was ist die Polyvagaltheorie?

Die Polyvagaltheorie geht auf den Psychiater Stephen W. Porges zurück. Sie beschreibt eine neue Sichtweise auf das autonome Nervensystem. Dieses scannt permanent unsere Umwelt und andere Menschen ab, ob wir sicher oder bedroht sind. Jener Vorgang ist unwillkürlich und ist uns meist völlig unbewusst.

Sicherheit ist für uns im Leben das Wichtigste. Das Parasympathische Nervensystem teilt sich noch einmal auf und hat ein soziales Nervensystem, den ventralen Vagus, als Zweig. Dieses wird durch Traumata massiv beeinflusst und arbeitet dann anders.

Das soziale Nervensystem wird durch die Beziehung, Fürsorge und Coregulation unserer Eltern bzw. ersten Bezugspersonen gut ausgebildet und kann dann effektiv und optimal arbeiten.


Übrigens: Die Polyvagaltheorie ist in der Wissenschaft umstritten und konnte bis heute empirisch nicht nachgewiesen werden. Das ändert aber nichts an der Praxis der modernen Traumatherapie. In der praktischen Umsetzung hilft die Polyvagaltheorie, und wer heilt, der hat bekanntlich recht.

Die Polyvagaltheorie in der Traumatherapie

Das autonome Nervensystem hat Einfluss auf unsere Atmung, auf unseren Puls, auf unseren Muskeltonus, auf unsere Prosodie, auf unsere Verdauung und auf unsere Gefühle, Emotionen und Instinkte, sprich: auf unseren ganzen Körper und unsere Psyche.

Alle Signale unserer Umwelt und Mitwelt, aber auch aus unseren inneren Organen fließen in diesen Prozess, der auch Neurozeption genannt wird, mit ein.

Je nach Einschätzung unseres autonomen Nervensystems werden dann verschiedene neurophysiologische Vorgänge in Gang gesetzt.



Bei Traumatisierungen erleben wir eine verfälschte Realität

Sind Menschen schwer oder komplex traumatisiert, so kommt unser autonomes Nervensystem rasch zu einer völlig falschen Einschätzung unserer Realität und signalisiert uns etwa dann Todesgefahr oder höchste Bedrohung, wenn wir objektiv in völliger Sicherheit sind. D.h. die Einschätzung fällt falsch-negativ aus. Wir beginnen zu zittern, unser Puls steigt, wir atmen flacher und fühlen Todesangst.

In der Übererregung oder Untererregung schaltet sich unser soziales Nervensystem aus, d.h. immer dann, wenn wir aus dem Toleranzfenster fallen. Wir geraten in den Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus, können Gesichter nicht mehr erkennen und lesen, hören Stimmen schlechter und erleben andere als bedrohlich und feindlich. Darüber hinaus werden das Gesicht, die Augenpartie und die Mimik starrer und fester.

Darauf reagieren in der Resonanz wiederum unsere Mitmenschen, und zwar meist negativ, und es entstehen rasch schwierige Teufelskreisläufe.


Ein zu empfindlich eingestelltes autonomes Nervensystem ist ein typisches Traumafolgesymptom und wurde implizit erlernt. Die Betroffenen fühlen sich dann rasch hilflos, ausgeliefert, zutiefst bedroht und in einer permanenten Habachtstellung. Ich selbst habe aufgrund der Übererregung meines autonomen Nervensystems Jahre lang in einer Trotz- und Kampfhaltung festgesteckt und wurde immer wieder von heftiger Schuld, Wut, Rage oder Hass überflutet. Viele Freundinnen von mir hingegen leben eher so, als seien sie ständig auf der Flucht.

"Dr. Stephen Porges: What is the Polyvagal Theory"

Folgen für eine moderne bindungsorientierte und körperorientierte Traumatherapie

Wir beruhigen uns vor allem durch Bindungen und Beziehungen. Diese werden jedoch gerade bei Menschen mit Entwicklungstraumen als besonders bedrohlich erlebt. Darum ist es so wichtig, innerhalb der Traumatherapie gesunde Bindungsmuster zu erfahren und auch selbst zu lernen.

Die Erkenntnisse der Polyvagaltheorie führen uns vor Augen, dass unsere Patient*innen und Klient*innen nur dann gut mit uns arbeiten können, wenn sie sich bei uns absolut geschützt und sicher fühlen. Halt und Sicherheit sind also die wesentlichen Voraussetzungen einer modernen Traumatherapie. Dazu muss ich mich als Therapeut selbst sicher und geerdet fühlen, weil ich dann mit meinem gut regulierten Nervensystem mein Gegenüber coregulieren kann.

Unsere Klient*innen sollten daher immer innerhalb des Window of Tolerance sein, da nur dann ihr soziales Nervensystem aktiv ist.


Dieser Vorgang ist oft sehr aktiv und intensiv: Meine Klientin überträgt mir beispielsweise ihre Angst, Ihre Unsicherheit, ihren inneren Druck und ihren Stress. Ich fühle diese in meiner Gegenübertragung bzw. Resonanz, erde mich, stelle innere Sicherheit und tiefe Entspannung in mir her und übertrage diese wiederum zurück auf meine Klientin. Dies kann verbal, mimisch, durch meine Körperhaltung, durch meine Prosodie oder durch eine Halt gebende Berührung geschehen.

"Polyvagal Theory Explained Simply"

Aber auch die Chemie zwischen mir und meinen Patient*innen muss unbedingt stimmen. Ähnlich wie das ja auch in guten Freundschaften ein wesentlicher Baustein ist. Mir gefallen die Worte der Traumatherapeutin und Betroffenen Dami Charf, dass wir nur Klient*innen aufnehmen sollten, mit denen wir auch auf einen Tee gehen würden. Oder frei nach Daniel Siegel: Eine Psychotherapie ist eine Liebesbeziehung auf ein bis zwei Stunden pro Woche beschränkt, die das Sexuelle ausschließt.

Dann ist es wichtig, dass unsere Kommunikation sich einstimmt und vor allem rechtshemisphärisch stattfindet.

Wesentliche therapeutische Bausteine sind hier:

  • Bedingungsloses, absichtsloses, akzeptierendes und annehmendes Zuhören
  • Aktives Fragen und Phänomenologie
  • Ein echter Dialog, der immer wieder nach den Anliegen der Patient*innen fragt
  • Eigene Vorannahmen, Vorurteile usw. beiseite zu stellen
  • Echtes Interesse am Gegenüber (das nichts mit Voyeurismus zu tun hat)
  • Mich zurückzunehmen, um ganz beim anderen zu sein und ihm möglichst viel Raum zu geben
  • Immer wieder meinen Klient*innen kleine Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu vermitteln. Dies kann etwa eine kurze Atemübung zu Beginn der Stunde sein oder das Üben des inneren Beobachters. Hierbei machen meine Patienten die Erfahrung, dass sie sich bereits selbst etwas regulieren und entspannen können. Ich habe dann meine Angst, kann diese beobachten und mich ihr gegenüberstellen, aber ich bin nicht meine Angst. Dadurch fühle ich mich kompetenter und weniger hilflos.
  • Meine Klient*innen im Rahmen von Psychoedukation weiterzubilden, was in ihnen vorgeht, damit sie selbst zu Experten ihrer eigenen Traumen und Traumafolgesymptome werden
  • Ihnen immer wieder die Haltung von Mitgefühl und Gnade sich selbst gegenüber zu vermitteln, weil Selbstregulierung und das Erlernen gesunder Bindungsmuster Jahre an Zeit brauchen
  • Eine Halt gebende Grundhaltung
  • Realitätsprüfung üben, etwa den Menschen ins Gesicht zu sehen, sich deren Mimik zu beschreiben und dann innerlich zu beobachten, was sich im eigenen Körper ändert
  • Atemübungen, Grounding, Summen oder die Wu-Ton-Übung können rasch entstressen und beruhigen. Allerdings können diese Übungen auch Traumen reaktivieren. In diesem Fall ist Coregulation und Kontakt das Mittel der Wahl. Auch hilft es manchen Patient*innen, wenn ich als Therapeut tief durchatme, meinen Parasympathikus aktiviere und diese meine innere Ruhe übertrage.
  • Das Gefühl, dass ich als Therapeut für Sicherheit sorge und aufpasse
  • Pausen zwischen Reiz und Reaktion zu üben
  • Realitätsprüfung innerhalb der therapeutischen Beziehung zu trainieren
  • Zu lernen, wie sich eine Referenzbeziehung anfühlen kann, d.h. eine sichere Bindung zu erfahren und gesunde Bindungsstile zu erlernen. Dies dauert freilich viel Zeit. Ich erinnere einen jungen Patienten, der unter einer schweren Sozialphobie litt und der komplex traumatisiert ist. Seine ehemalige Psychologin hatte ihm den Abbruch nahegelegt, weil er in die Therapie nichts einbringe und verstummte. Dadurch reinszenierte sie sein ursprüngliches Trauma, dass er wertlos sei, wenn er nicht funktioniere. Er saß oft völlig blockiert, angespannt und verstummt in meinem Therapieraum. Immer wenn ich ihm sagte, dass ich mich freue, dass er dennoch komme und er nichts zu tun oder zu leisten brauche, musste er vor Rührung weinen. Wenn ich ihn dann nach Empfindungen in seinem Körper fragte, blockierte er wieder sofort. In den ersten zwei Jahren habe ich ihm oft Geschichten und Meditationen vorgelesen (er konnte nur zuhören, alles andere blockierte ihn völlig und warf ihn aus dem Toleranzfenster), damit er sich an meine Stimme und Präsenz gewöhnte. Ich selbst habe mich in unseren Sitzungen immer sehr geerdet und fühlte mich meist ganz tiefenentspannt. Diese Ruhe konnte ich ihm immer wieder übertragen, und er machte die Erfahrung, sich gut regulieren zu können bzw. wie es sich anfühlt, reguliert zu werden und dass Kontakte und Beziehungen auch wohltuend sein können. Heute kommt er strahlend in die Stunden, lacht viel und beginnt zunehmend im Leben Fuß zu fassen. Er kann sich zunehmend besser regulieren, seine Grenzen schützen, Mögen, Liebe, Freude, Schmerz und Wut zulassen, in die Expansion gehen und konstruktiver mit seinen Symptomen umgehen.
  • Eine Haltung, die vermittelt: „Schön, dass es dich gibt und dass du da bist!“
  • Das Duzen kann in der bindungsorientierten Traumatherapie sehr hilfreich sein und Nähe schaffen. Ich selbst bin mit etwa 90 Prozent meiner KlientInnen per du.

Dabei müssen meine Körpersprache, meine Mimik, mein Blick, meine Körperhaltung und meine Prosodie ganz kongruent sein.

Auf diese Weise können sich meine Klient*innen und Patient*innen zutiefst verstanden fühlen und sich langsam sicherer fühlen, und ich kann dann mein Gegenüber leichter und rascher coregulieren.

Meine Klient*innen können auf diese Weise heilsame und korrigierende Beziehungserfahrungen sammeln und lernen sich durch meine Coregulation besser selbstzuregulieren.


Fazit:

Die Polyvagaltheorie gilt heute als wissenschaftlich nicht mehr haltbar und sogar als widerlegt. Die praktischen Schlussfolgerungen daraus jedoch sind sinnvoll. Hier wird ersichtlich, dass sich sogar aus einer falschen Theorie wertvolle praktische Interventionen ableiten lassen.

"Trauma und Sicherheit - die Polyvagal-Theorie"

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