Wenn Männer Opfer von Gewalt in Partnerschaften werden

Florian Friedrich • 27. Dezember 2025

Psychische und körperliche Gewalt - ein Tabu unter Männern

Häusliche Gewalt wird in der Öffentlichkeit häufig mit Frauen als Opfer in Verbindung gebracht – und während Frauen tatsächlich häufiger betroffen sind, bleiben männliche Opfer oft unsichtbar. Männer, die psychische oder körperliche Gewalt in heterosexuellen, homosexuellen oder pansexuellen Partnerschaften erfahren, sehen sich mit besonderen Herausforderungen konfrontiert: gesellschaftlichen Vorurteilen, Schamgefühlen und einem Mangel an Unterstützung.

Wenn Männer Opfer von Gewalt in Partnerschaften werden

Die Realität: Gewalt gegen Männer existiert

Psychische und körperliche Gewalt kann in jeder Beziehung auftreten, unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung. Gewaltformen bei Männern können umfassen:

  • Psychische Gewalt: Kontrolle, Erniedrigung, ständige Kritik, Isolierung von Freunden und Familie, Drohungen, emotionale Manipulation.
  • Körperliche Gewalt: Schläge, Stoßen, Würgen, sexueller Missbrauch oder andere Formen körperlicher Aggression.
  • Finanzielle Kontrolle: Einschränkung des Zugangs zu Geld, Verhindern von beruflicher Unabhängigkeit.

Studien zeigen, dass bis zu 30 % der Männer im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Opfer von Gewalt in einer Partnerschaft werden. Trotzdem bleiben viele Fälle verborgen – oft aus Angst vor Stigmatisierung.


Warum Männer oft schweigen

1. Gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder

Männer sollen stark, unabhängig und kontrolliert wirken. Gewalt zuzugeben, widerspricht diesem Bild und erzeugt Scham. Viele Männer fürchten, nicht ernst genommen zu werden oder als schwach zu gelten.

2. Angst vor Spott oder Unglauben

Freunde, Familie oder Behörden neigen manchmal dazu, männliche Opfer zu bagatellisieren: „Das kann doch gar nicht sein.“ Solche Reaktionen verstärken das Schweigen und die Isolation.

3. Emotionale Manipulation durch den/die Partner*in

Psychische Gewalt kann subtil und schleichend sein. Männer werden verunsichert, an sich selbst zweifeln oder fühlen sich für die Eskalation verantwortlich. Das schwächt die Bereitschaft, Hilfe zu suchen.

4. Mangelnde Unterstützung

Es gibt weniger spezialisierte Hilfsangebote für Männer. Frauenhäuser, Beratungsstellen oder Therapieangebote sind oft auf weibliche Opfer ausgerichtet, was den Zugang für Männer erschwert.


Die Folgen von Gewalt für Männer

Gewalt in Partnerschaften hinterlässt tiefe Spuren, sowohl psychisch als auch körperlich:

  • Psychische Folgen: Depression, Angst, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Selbstzweifel, Schuldgefühle.
  • Soziale Folgen: Isolation, Konflikte im Freundes- oder Familienkreis, Probleme am Arbeitsplatz.
  • Körperliche Folgen: Verletzungen, chronische Schmerzen, psychosomatische Beschwerden.
  • Langfristige Auswirkungen: Störungen in zukünftigen Beziehungen, Misstrauen, Schwierigkeiten, Nähe und Intimität zuzulassen.


Wie Männer Hilfe finden können

1. Vertrauenspersonen einbeziehen

Spreche mit Freund:innen, Familie oder Kolleg:innen, die zuhören und ernst nehmen. Auch wenn es schwerfällt: Das Teilen der Erfahrung ist der erste Schritt.

2. Professionelle Unterstützung suchen

  • Beratungsstellen für Männer (z. B. Männerhäuser, Online-Beratung)
  • Psychotherapie oder Trauma-Therapie
  • Selbsthilfegruppen für männliche Gewaltopfer

3. Sicherheit planen

Wenn akute Gefahr besteht: Notruf wählen, Polizei einschalten, einen sicheren Ort aufsuchen. Ein Sicherheitsplan kann helfen, den Ausstieg aus einer gefährlichen Beziehung zu organisieren.

4. Eigene Gefühle ernst nehmen

Männer haben das Recht, Opfer zu sein. Scham und Schuldgefühle sind normale Reaktionen, aber sie dürfen nicht über das Recht auf Schutz und Heilung dominieren.



Warum das Thema mehr Sichtbarkeit braucht

  • Gesellschaftliche Rollenbilder müssen aufgebrochen werden: Männer dürfen Opfer sein, ohne dass ihr Wert oder ihre Männlichkeit infrage gestellt wird.
  • Mehr spezialisierte Hilfsangebote für Männer sind notwendig.
  • Medien und Politik müssen männliche Opfer ernst nehmen, um Stigmatisierung abzubauen.


Fazit

Gewalt in Partnerschaften ist keine Frage des Geschlechts. Sie kann jeden treffen. Männer, die psychische oder körperliche Gewalt erleben, benötigen ernsthafte Unterstützung, Verständnis und Schutz. Das Schweigen zu brechen ist oft schwer, aber entscheidend für Heilung und Sicherheit.

Wenn du oder jemand, den du kennst, betroffen ist: Es gibt Hilfe, und es ist kein Zeichen von Schwäche, sie in Anspruch zu nehmen. Männer haben genauso das Recht auf Sicherheit, Respekt und Liebe wie jede andere Person.

Über Trauma und Männer - Verena König im Gespräch mit Michael Diemer

In diesem Podcast äußern sich Verena König und Michael Diemer zum Thema Männer, die Opfer von Gewalt – z. B. in Partnerschaften.

Diemer hebt hervor, dass Gewalt und Trauma bei Männern oft nicht erkannt oder thematisiert werden, auch weil gesellschaftliche Rollenerwartungen Männern das Erleben und Ausdrücken von Verletzlichkeit erschweren.

Er betont die Bedeutung von räumlich und sozial geschützten Angeboten, z. B. Männerberatungen und Fachberatung, wo Männer über Erfahrungen wie Gewalt sprechen und Unterstützung finden können.

Diese Sichtweise liegt nicht darin, den strukturellen Kontext von Gewalt in Partnerschaften („meist Männern als Täter, Frauen als Opfer“) abzulehnen, sondern darauf hinzuweisen, dass auch männliche Opfer ernst genommen und unterstützt werden sollten – z. B. durch spezialisierte Beratung und Traumaarbeit.

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