Warum wir unseren Gefühlen nicht immer vertrauen können

Florian Friedrich • 27. Mai 2026

Was der Körper, Emotionen und Gefühle uns wirklich sagen wollen

Ob in Sexualität und Partnerschaft, bei der Bewältigung von Ängsten oder im Umgang mit alten Bindungstrauma-Folgesymptomen: Wir neigen dazu, unsere intensiven Emotionen und Körpersensationen als die absolute, unumstößliche Wahrheit über die Welt und unsere Beziehungen zu betrachten.


Aus Sicht der Existenzanalyse und der Hypnosystemik (nach Gunther Schmidt) muss ich dich hierbei jedoch ein Stück weit enttäuschen: Gefühle und Emotionen sind nämlich keine objektiven Ratgeber. Sie sind oft das Ergebnis einer unwillkürlichen Trance. Manchmal sind Emotionen auch lediglich ein Echo aus der Biografie, besonders dann, wenn sie uns stark aktivieren und sehr intensiv sind. Das nennt man „Emotionale Aktivierung“.

Erfahre hier, warum blinder Glaube an jedes Gefühl dich unfrei macht, wir unseren Gefühlen nicht unreflektiert vertrauen sollten und wie du mithilfe hypnosystemischer Strategien die Führung über deine innere Erlebniswelt zurückgewinnst.

Eine junge Frau sitzt auf einem Stuhl in der Steuerposition der Hypnosystemik.

Die hypnosystemische Perspektive: Gefühle als unbewusste Problemtrancen

Die Hypnosystemik verbindet die systemische Therapie mit der modernen Hypnotherapie nach Milton Erickson. Ein zentrales Axiom lautet: Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das wird zu unserer erlebten Realität. Oder: „Energy goes where attention flows“.

Wenn dich in einer aktuellen Situation – beispielsweise weil sich dein Partner nicht sofort meldet – plötzlich eine Welle von tiefem Misstrauen, Eifersucht oder existenzieller Angst überrollt, passiert hypnosystemisch betrachtet Folgendes:
Dein Fokus verengt sich blitzartig. Du gerätst gegen deinen Willen in eine sogenannte
Problemtrance. Ein bestimmtes inneres Netzwerk (oft eine verletzte kindliche Seite) wird aktiviert und spult ein altes, im Körper abgespeichertes Überlebensprogramm ab. Dein Gehirn reinszeniert ein emotionales und körperliches Echo der Vergangenheit. Dabei handelt es sich lediglich um ein Phänomen.

Der Trugschluss, den viele ziehen, ist nun: Weil das Gefühl im Körper so intensiv und real spürbar ist, glaubst du, die aktuelle Situation sei die Ursache. Das Gefühl warnt dich jedoch nicht vor dem Heute, sondern erinnert dich an dein Gestern. Das Gefühl ist damit ein Echo deiner Vergangenheit.


Gefühl, Affekt oder Intuition? Die innere Landkarte ordnen

Um wieder wahlfrei und selbstbestimmt handeln zu können, hilft dir eine präzise phänomenologische und hypnosystemische Unterscheidung deiner inneren Signale:

  1. Die Problemtrance (Affekt, Panik, Enge, Druck …): Sie kommt plötzlich, fühlt sich körperlich eng, heiß oder starr an. Dein Fokus ist extrem verengt. Du siehst nur noch die vermeintliche Gefahr und verlierst den Zugriff auf deine erwachsenen Kompetenzen. Die Einladung, in alte Muster des Überlebens zu gehen, fühlt sich extrem stark an.
  2. Die emotionale Geschichte: Dein Verstand versucht das sehr belastende Körpergefühl sofort logisch zu erklären: „Wenn ich mich so unwohl fühle, meint er es nicht ernst.“ Du nimmst das Gefühl als Beweis für die Realität. Das Gehirn baut eine dramatische Geschichte um ein Körpergefühl
  3. Die lösungsorientierte Intuition (der Felt Sense bzw. das Spüren oder Gspür): Ein tiefes, ruhiges, zentriertes, verkörpertes Wissen. Dein Fokus weitet sich.  Es taucht meist erst auf, wenn das Nervensystem reguliert ist. Selbst wenn diese Intuition eine schmerzhafte Wahrheit transportiert, fühlt sie sich im Kern weit, klar und stimmig an. Sie lässt dir Raum zum Atmen und Nachdenken. Du hast wieder Zugang zu deinen Werten.

Podcast von Dami Charf: „Emotionen sind keine Wahrheiten – Wie Gefühle unsere Sichtweise verändern“

Die Trauma-Therapeutin und Autorin Dami Charf vertritt eine differenzierte und neurobiologisch begründete Haltung zu der Frage, ob wir unseren Emotionen vertrauen können. Ihre Kernbotschaft lautet: Gefühle sind keine absoluten Wahrheiten, sondern oft biochemische Echos der Vergangenheit.

Während spirituelle oder populärpsychologische Ansätze dazu raten, blind dem Bauchgefühl zu vertrauen, warnt Dami Charf vor dieser Pauschalisierung, insbesondere bei Menschen mit Entwicklungstrauma oder Bindungsverletzungen

Hypnosystemische Werkzeuge: Wie du das Vertrauen neu ausrichten kannst

Wenn Gefühle wie stürmisches Wetter kommen und gehen, worauf können wir dann bauen? Wir können auf unsere Fähigkeit vertrauen, unsere Aufmerksamkeit bewusst zu steuern. Hier sind drei konkrete Schritte aus der Hypnosystemik:


1. Die Problemtrance unterbrechen (Utilisation)

Verurteile das schwierige Gefühl nicht. Begrüße es hypnosystemisch als einen inneren Ratgeber, der es eigentlich gut mit dir meint und dich schützen will. Sag dir innerlich: „Ah, da ist wieder mein alter Beschützer. Danke, dass du mich warnen willst. Aber ich bin im Hier und Jetzt sicher.“ Das schafft sofort eine heilsame Distanz (De-Identifikation mit dem Problemerleben).


2. Den Fokus bewusst weiten (die Lösungstrance einladen)

Wenn die Angst dich eng macht, nutze deinen Körper. Spüre deine Füße fest auf dem Boden. Atme bewusst lang aus, um den Parasympathikus zu aktivieren. Richte deinen Blick ganz achtsam auf Dinge im Raum, die stabil und sicher sind. Sobald dein autonomes Nervensystem signalisiert, dass keine akute Gefahr besteht, öffnet sich dein Fokus wieder für kreative Lösungen.


3. Die existenzielle Frage nach dem Sinn

Frage dich in Momenten emotionaler Verwirrung, welchem Wert und Bedürfnis du in dieser Situation Ausdruck verleihen und wer du jetzt sein möchtest. Ein gelingendes Leben entsteht nicht dadurch, dass wir nur angenehme Gefühle haben. Es entsteht dadurch, dass wir auch mit stürmischen Emotionen in einer Position der Selbstwirksamkeit und Steuerung bleiben können und nach unseren tiefen Werten handeln.


Fazit: Emotionen würdigen, aber die Steuerposition behalten

Starke Gefühle und emotionale Aktivierung sind wertvolle, kompetente Botschafter aus unserer Biografie. Sie verdienen es, gefühlt und gewürdigt zu werden. Sie sind jedoch oft schlechte Ratgeber für unsere Gegenwart. Ein erfülltes, selbstwirksames Leben entwickelt sich dort, wo wir die unbewussten Problemtrancen liebevoll entlarven, uns selbst regulieren und die finale Entscheidung über unser Handeln unserem reifen, gesunden erwachsenen-Ich im Hier und Jetzt überlassen.

Wenn du spürst, dass dich alte emotionale Muster oder Trancen in deinem Alltag oder deinen Beziehungen immer wieder blockieren, kann eine hypnosystemische und existenzanalytische Psychotherapie helfen, diese unbewussten Schleifen im geschützten Rahmen aufzulösen bzw. zu integrieren.

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